Samstag, 2. März 2013

CLEVELAND VERSUS WALL STREET (2010 Jean-Stéphane Bron)


Ein großes Opfer der Weltwirtschaftskrise 2009 war die Stadt Cleveland, die versuchte die Wall Street per Gerichtsverhandlung zur Rechenschaft zu ziehen. Was die Wall Street zu verhindern wusste, stellt Regisseur Bron nun fiktiv mit echten Betroffenen und echten Experten des jeweiligen für den Film benötigten Berufes nach...


Was im realen Leben nicht möglich war...

Allerhand verlassene Häuser, von der Stadt Cleveland mit Brettern zugenagelt, da sich der angeblich schwer auszumachende Besitzer, die Bank, nicht um die Gebäude kümmert, aus denen die Ansässigen vertrieben wurden, nachdem sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten - so sieht das Stadtbild im Osten Clevelands aus, die erschreckendste Ecke einer der betroffensten Städte der Weltwirtschaftskrise in den USA. Der Drogenszene hier keinen Unterschlupf zu geben und zu schauen, dass die leerstehenden Häuser nicht zur Gefahr werden kostet Unmengen Steuergelder. Die Hinausgeworfenen fühlen sich betrogen, die Stadt Cleveland will Vergeltung.

Deswegen wollte sie den in ihren Augen Verantwortlichen, die Wall Street, vor Gericht zerren, was diese zu verhindern wusste, so dass es bis heute zu keiner Verhandlung gekommen ist. Was im realen Leben nicht möglich war, wollte Regisseur Jean-Stéphane Bron per Dokumentarfilm nachstellen. Und so inszenierte er mit „Cleveland Versus Wall Street“ eine fiktive Gerichtsverhandlung in welcher echte Betroffene zu Wort kommen (Hinausgeworfene ebenso wie Mitarbeiter der Stadt und Mitarbeiter des Finanzwesens) und in welcher das Amt des Richters und der Anwälte echte Profis ihres Faches übernehmen und somit Menschen, die diesen Beruf tatsächlich ausüben.

Mehr noch, um objektiv zu bleiben wurde mit dem Anwalt der die Wall Street vertritt jemand gewählt, der sich speziell in der Finanzmaterie auskennt und schon des öfteren FÜR und nicht gegen Banken vor Gericht stand. Die Köpfe hinter dem Dokumentarfilm hatten auf die Gerichtsverhandlung keinerlei Einfluss, und das Urteil der Geschworenen erfuhren sie erst zu jenem Zeitpunkt, als sich die Geschworenen zu einem entschieden.

Das ist auch ganz gut so, denn dass das Herz der Filmemacher auf den Seiten der Betroffenen schlägt, ist nicht zu übersehen. Wer sonst würde die hier gezeigte Idee auch so konsequent durchführen? Aber so einseitig wie von mancher TV-Zeitschrift behauptet, ist „Cleveland vs. Wall Street“ keinesfalls ausgefallen. In der Gerichtsverhandlung darf der Zuschauer objektiv Fakten und Gefühle beobachten und zuordnen, ganz ohne manipulatives Eingreifen von Regie. Auch auf beeinflussende Hintergrundmelodien wurde hierbei verzichtet. Aber selbst die Hintergrund-Szenen um die Gerichtsverhandlung herum, eben jene Szenen in welchen die Köpfe hinter dem Projekt viel eher die Möglichkeit haben ihre Position zu stärken, sind sichtlich um Objektivität bemüht, auch wenn dies nicht immer gelingt.

Als Zuschauer fühlt man sich hin und her gerissen, sind die meisten Argumente der Klägerseite doch ebenso nachvollziehbar, wie jene des Anwalts der Wall Street. Dass die Art der Anklage auf jene Weise wie gewählt auf etwas wackeligen Füßen steht, ist nicht zu übersehen und macht das Urteil der Jury um so spannender, die man relativ kurz bei ihren Diskussionen begleiten darf. Sie sitzen nicht unbeobachtet in ihrem Kämmerchen. Aber auch keiner der Geschworenen macht den Eindruck ein Problem mit der Kundgabe seiner Meinung zum besagten Fall vor der Kamera zu haben.

Jean-Stéphane Bron, der bislang nur Unterhaltungsfilme gedreht hat, hat mit „Cleveland vs. Wall Street“ etwas wirklich einzigartiges geschaffen. Die Betroffenen durften sich Luft machen und mitteilen, das Finanzsystem konnte seine Seiten darlegen, und der Zuschauer durfte an etwas teilhaben, das er sonst nur im Ergebnis erfahren hätte.

Nach Sichten würde mich persönlich interessieren, ob die Stadt Cleveland nicht wenigstens die Banken als Hausbesitzer für das Zugrunderichten ihres Besitzes verklagen könnte, bzw. sie dazu gerichtlich verdonnern, sich um ihren Besitz zu kümmern, wenn die leerstehenden Häusern dem Steuerzahler doch so viel Geld kosten. Wer speziell auf dem Papier Eigentümer der verlassenen Gebäude ist, müsste sich doch feststellen lassen. Wenn man die Wall Street schon nicht wegen einer wackeligen Grundsatz-Debatte vor Gericht ziehen kann, die zurecht schwer zu beurteilen ist, dann sollte man es doch mit diesem weniger reißerischem Thema versuchen. Wenn die Finanzwelt sich nun noch um all ihre erworbenen Häuser kümmern müsste, wäre dies sicherlich ein unangenehmer Ballast einer zuvor lukrativen Finanzidee.


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