Freitag, 2. August 2013

DIE BRENNENDE SCHNECKE (1996 Thomas Stiller)


Der Teenager Peter ist ein filminteressierter Außenseiter, und er ist aufmüpfig wie es typisch für sein Alter ist. Die an sich gute Beziehung zu seiner Mutter beginnt zu bröckeln, als die Alleinerziehende bei einem gemeinsamen Kinobesuch mit Peter ihren neuen festen Freund kennen lernt. Von nun an rebelliert Peter heftigst, und sein Eintritt in eine kalte, fragwürdige Jugendbande verstärkt diesen Zustand extremst. Die Mutter muss hilflos mit ansehen, wie ihr Sohn abdriftet.


Opfer und Täter...

Zu Beginn ist der Film eher ein Kinderfilm als ein Jugend-Drama, so schlicht scheinen die Probleme des Teenagers Peter, so wunderbar simpel und naiv ist die Erzählweise. Selbst die fragwürdige Jugendclique wirkt kindlich böse und nicht ernsthaft bedrohlich wie die Naziclique aus "Hass im Kopf". All das ist allerdings ein böser Trick einer besonders geglückten Regie. Denn im weiteren Verlauf wird der Film bitterböse bis hin zu seinem wirklich schockierenden Schluss. Dass ein derartiges Ende nicht aufgesetzt und übertrieben wirkt, liegt daran, dass die Dosis des Bösen und Unfassbaren sehr langsam nach und nach angeschraubt wird, und der Film sich immer in authentischen Gefilden bewegt, so dass der Übergang zur Extreme realistisch wirkt.

Die Schauspieler sind allesamt gut gewählt, allen voran Maximilian Haas als Hauptdarsteller. Er spielt so greifbar nah, selbst in Momenten, die geradezu Klischee für das Gebiet des deutschen Dramas sind (küssen üben an einer Puppe, gemeinsames Onanieren mit Freunden während die Mutter Sex hat). Doch mit diesen brutal ehrlichen Tabus ignorierenden Momenten greift die Authentizität des Streifens nur um so mehr, anstatt ihn in eine unglaubwürdige Erzählung abdriften zu lassen.

„Die brennende Schnecke“ ist meiner Meinung nach ein Jugend-Drama aus der ersten Liga, das Paradebeispiel dafür wie gut deutsche Produktionen dieses Sub-Genres gegenüber der anspruchsvollen Konkurrenz aus Frankreich („Lärm und Wut“, „Der kleine Gangster“, ...) abschneiden können. Gewisse Parallelen zu dem fast themengleichen "Kinder ohne Gnade" aus dem selben Jahr sind jedoch gegeben. Dort wurde zwar auch anständige Arbeit geleistet, dank seiner Privatsender-Herkunft besitzt er allerdings noch zu viele Stellen die gekünstelt und aufgesetzt wirken, ganz im Gegenteil zum hier besprochenen Film.

Dankbar darf man den Verantwortlichen fürs Drehbuch sein, dass gerade der hervorgehobene Aspekt der fragwürdigen Jugend-Clique nichts mit der gerne gewählten Nazi-Mentalität zu tun hat und diese auch nicht streift. Der Anführer der Bande ist nicht nur schauspielerisch gut gewählt, auch die Psychologie seiner Figur wurde verstanden. Aber die allgemein gut funktionierende Psychologie ist ohnehin hauptverantwortlich für das gute Ergebnis dieses Streifens.

Freunden deutscher TV-Filme mit Anspruch sei dieses Werk wärmstens ans Herz gelegt. Er läuft leider recht selten im TV, und es ist auch schon einige Zeit her dass er ausgestrahlt wurde. Allerdings hat er es mittlerweile unerwarteter Weise auf DVD geschafft. „Die brennende Schnecke“ ist sensibel aber gnadenlos, dramatisch und schockierend und vor allen Dingen in seiner Anfangsphase durch die Unschuld die er ausstrahlt hervorragend getarnt.


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