Mittwoch, 2. Oktober 2013

JESSY - DIE TREPPE IN DEN TOD (Black Christmas 1974 Bob Clark)


Die Bewohnerinnen eines Hauses einer Studentenverbindung werden zur Weihnachtszeit nach und nach Opfer eines Psychopathen...


Die beste Zeit für Telefon-Terror...

„Jessy - Die Treppe in den Tod“ und der wesentlich berühmtere Horror-Klassiker „Halloween“ von John Carpenter sind zwei Filme, die aufgrund ihrer gleichen Thematik und der Entstehungszeit eine gewisse Verwandtschaft verbindet. Und da kommt es sehr gelegen, dass Erstgenannter vier Jahre vor dem ersten großen Slasher-Erfolg gedreht wurde, wäre er doch sonst sicherlich aufgrund der großen Beliebtheit von ihm inspiriert worden, und dann hätten wir nicht solch unterschiedliche Werke vorliegen, sind die beiden Filme doch stilistisch so weit voneinander entfernt, dass jeder eine eigene Faszination versprüht. Auch wenn ich im direkten Vergleich „Halloween“ vorziehen würde, so ist doch auch „Black Christmas“ (Originaltitel) gelungen und ein Must-See-Movie für Genre-Fans.

„Jessy“ ist einer dieser Filme, die heute so einfach nicht mehr gedreht werden, was man allein schon an der sehr unwürdigen Neuverfilmung „Black Christmas“ aus dem Jahr 2006 sieht, die nur wenig mit dem Original gemein hat. In der 1974-Version stimmen die Dialoge, das Verhalten der unterschiedlichst individuellen Menschen ist nachvollziehbar, der Blick konzentriert sich neben den Hauptanliegen auch immer auf scheinbare Nebensächlichkeiten, die dem Streifen erst das nötige Niveau bescheren, und die Bedrohung ist trotz manch komödiantischen Moments deutlich spürbar, wofür in erster Linie eine unglaublich kranke Psychopathen-Stimme am Telefon sorgt, sofern man sich den Film im Originalton anschaut.

Regisseur Bob Clark ist nach seinem miesen Erstling „Children Shouldn‘t Play With Dead Things“ und dem sehr geglückten Geheimtipp „Dead Of Night“ ein weiterer Genie-Streich geglückt. Ab den 80er Jahren orientierte er sich leider im Bereich des Komödien-Genres um, wo er mal schlechte Werke wie „Der Senkrechtstarter“ mit Sylvester Stallone und „Der Harte und der Zarte“ mit Dan Aykroyd abdrehte, aber auch manch sympathisches Werk wie „Porky‘s“ und „Karriere mit links“. All diese Filme, Genre-Wechsel hin oder her, sind jedoch viel zu sehr in den Mainstream-Bereich abgerutscht, während Stoffe wie „Jessy“ noch ihre Ecken und Kanten besitzen, die sie zu solch eigenständigen Filmen werden lassen.

Noch vor „Halloween“ liefert „Jessy“ Aufnahmen aus dem Blickwinkel des Psychopathen, freilich ohne Maske. Brutalitäten werden zurückhaltend aber nicht minder schockierend umgesetzt, und unaufmerksame Zuschauer werden außerdem mit einem möglichen Verdächtigen der Taten geködert. Für jeden der aufgepasst hat, ist das Spiel mit dem Verdächtigungen trotzdem keine unnötige Randerscheinung, sondern liefert einen zusätzlichen nüchternen Blick auf das unterschiedliche Treiben verschiedener Menschen während einer Extremsituation. Das ist auf sachliche Art interessant, jedoch nie zu theoretisch um nicht gleichzeitig auch unterhalten zu können.

Die Psychologie steht wie bei jedem guten Film im Mittelpunkt, und die ist nicht nur im eigentlichen Ablauf der Geschichte Trumpf, sondern auch in der Charakterzeichnung, die uns echte Menschen präsentiert und diese zur Wichtigkeit des Streifens macht. Ja, es geht um einen Psychopathen, aber der ist die Bedrohung und nicht das Zentrum der Zuschauerorientierung. Er ist der Fremdkörper innerhalb eines Szenarios, in dem der Zuschauer sich so gut orientiert und zu Hause fühlt, dass er schon fast keine spezielle Identifikationsfigur mehr benötigen müsste. Die bekommt er dennoch mit der Figur der Jessy serviert, die von Hauptdarstellerin Olivia Hussey sehr natürlich interpretiert wurde und nicht gerade, wie später typisch für das Genre, wie die klassische Scream-Queen herüber kommt. Nein, sie darf auf Gefahren und weniger bedrohliche Situationen realitätsorient reagieren, und sie wird weder sonderlich sympathisch noch zu unsympathisch präsentiert. Wie für die 70er Jahre typisch ist sie eine dem Mann gegenüber gleichberechtigte Frau und dies auf ganz selbstverständliche Art, weit entfernt von den verwässerten Emanzipationsklischees der heutigen Zeit.

„Black Christmas“ ist sehr langsam erzählt, aber nur wer lediglich auf plumpe Schauwerte setzt wird sich langweilen, so interessant ist die an sich schlichte Geschichte inszeniert, und so spannend wird es ab und an, obwohl man sagen muss, dass der Film nicht gerade wegen einer hochgedrehten Spannungsschraube trumpft. Der eigentliche Gewinn dieses Filmes, mal abgesehen von all den bereits aufgezählten Vorzügen, ist es, wie oben erwähnt, dass er bereits vor „Halloween“ entstanden ist, der das Genre derart beeinflusst hat, dass vergleichbare Filme sich ständig an ihm und später auch an „Freitag der 13.“ orientiert haben, und wir somit ein unbeeinflusstes Stück Film zu einer Geschichte präsentiert bekommen, die später zum Publikumsliebling werden sollte. Und wie man am noch immer sehr aktiven Horrormarkt bemerken kann, ist dies sogar bis in die heutige Zeit hinein noch der Fall.

Eben weil vielen Menschen heutzutage gar nicht mehr bewusst ist, wie anders man selbst ganz banale Geschichten erzählen kann, ist ein Film wie „Jessy - Die Treppe in den Tod“ ein so wichtiger Beitrag innerhalb des oft so simpel scheinenden Popkorn-Kino-Bereichs. Man muss nicht erst zu solch künstlerisch wertvollen Filmen wie „Valerie - Eine Woche voller Wunder“ greifen, um zu erkennen wie viel mehr Kino sein kann, wenn man es nur lässt. „Black Christmas“ ist im direkten Vergleich kulturell und inhaltlich gesehen näher dran an dem was das Publikum noch heute interessiert. Und deshalb könnte er vielleicht auch manchem Blockbuster-Stammgast gefallen, der sich mal an etwas anderem, etwas Vergangenem, versuchen möchte, ohne komplett Neuland zu betreten.

Vielleicht wird er Gefallen an der Ruhe der Inszenierung und an der Mühe finden, die man sich beim Herausarbeiten von Situationen und Charakteren gab. Vielleicht kann er sein Interesse für Qualitäten entdecken, so dass er Mainstream-Quantitäten zukünftig besser zu erkennen weiß. Vielleicht wird er nach „Black Christmas“ einfach mal mehr über das Medium Kino erfahren wollen, als dass was die Sackgasse der heutigen Lichtspielhaus-Kultur den Kunden in einer Dauerschleife vorsetzt.

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