Samstag, 19. Oktober 2013

NULL NULL SCHNEIDER 2 - IM WENDEKREIS DER EIDECHSE (2013 Helge Schneider)


Kommissar Schneider hat gerade einen gefürchteten Poklatscher dingfest gemacht, da zeichnen sich zwei weitere Probleme ab: ein unbekanntes Familienmitglied nistet sich beim Kommissar zu Hause unangemeldet ein, und die psychopathische Eidechse ist aus der Anstalt geflohen...


Echse, Echse, Echse, Popexe...

Helge Schneider, der Musiker für den das Filme drehen immer nur eine unwichtige Nebensächlichkeit war, hat 9 Jahre nach seinem letzten Film und 19 Jahre nach „Null Null Schneider - Jagd auf Nihil Baxter“ endlich wieder cineastisch zugeschlagen und von Letztgenanntem eine Fortsetzung gedreht. Das kann man freilich nur entfernt behaupten, denn ein Helge Schneider-Film ist ein Helge Schneider-Film und wird nicht immer nur die Geister scheiden, er hält sich auch an keine Regeln. Und so liegt es nicht nur am Tod des Kommissaren-Gehilfen Helmut Körschgen, dass der zweite Ausflug des Kriminalisten auf die Kinoleinwand anders ausgefallen ist als das Original, so sehr sogar, dass man eigentlich gar nicht mehr von einer Fortsetzung sprechen kann.

Null Null Schneider ist in Teil 2 nicht mehr für die Mordkommission tätig, er sieht optisch nicht mehr wie die Parodie eines Detektivs aus, sondern stattdessen wie der private Helge Schneider, und auch sonst ist von der 90er Jahre-Version des Kriminalisten nicht mehr viel übrig geblieben. Gewaltbereiter als damals ist seine Figur viel mehr an den Romanen des Kommissars orientiert, als an seinem ersten Film, und auch dass er nun alleine lebt, eine zwangsläufige Veränderung durch den Tod von Filmpartner Andreas Kunze, sorgt für ein ungewohntes privates Umfeld.

Aber nicht nur Helge hält sich nicht an Regeln. Der erfahrene Zuschauer seiner Werke tut es ebenso wenig und geht gar nicht erst in eine Fortsetzung rein, sondern ganz allgemein in einen Helge-Film. Und der guckt sich trotz der vielen Jahre Pause genauso wie die 90er Jahre-Werke. Damit wirkt er nicht wie ein krampfhaftes Imitat, er fühlt sich wie ein Original an. Modernisierungen haben in Schneiders Filmen keinen Platz. Das einfache Volk steht durch skurrile Figuren verkörpert im Vordergrund, und so spielt auch „Null Null Schneider 2 - Im Wendekreis der Eidechse“ in der völlig eigenen Welt des Ausnahmekomikers, und das macht sein aktuelles Werk so kompatibel mit den vergangenen Arbeiten - mit Ausnahme des eher privateren, in meinen Augen aber missglückten „Jazzclub“. Der hier besprochene Film setzt eher da an, wo Helge einst mit „Praxis Doktor Hasenbein“ aufgehört hat, und mit dem ist er gar noch mehr verwandt als mit Null Null Schneiders Jagd auf Nihil Baxter, war doch die Geschichte um einen Arzt und seinen Sohn der bis dahin extremste Fall eines Helge-Films, so sehr wie er sich jeglicher tatsächlicher Handlung verweigerte.

Nie ging es in Helge-Filmen wirklich um eine zentrale Geschichte, aber seit dem bislang unübertroffenen Start mit „Texas“ wurde sie immer weiter abgebaut, bis nur noch Fragmente übrig waren, die eine Art roten Faden im Nichts darstellten, umgeben von geistreichem Nonsens und Improvisation. In „Null Null Schneider 2" ist es nicht anders. Gab es auf der Jagd nach Nihil Baxter tatsächlich eine Jagd auf Nihil Baxter, so ist der Beititel „Im Wendekreis der Eidechse“ blanker Hohn, kommt der von Musiker Rocko Schamoni verkörperte, wie eine Echse zischende Kettenraucher doch so gut wie gar nicht vor. Er ist nur ein Teil im wirren Mosaik von Null Null Schneiders Realität, in der das Absurde Alltag ist und der Zuschauer sich jederzeit auf eine neue Absonderlichkeit einstellen muss.

Damit sind viele überfordert, glauben sogar gerne unterfordert zu sein, da sie Helge Schneiders Humor in seiner Kunst und Intelligenz unterschätzen. Und so bleibt nur die Spezies des Helge-Fans übrig, die sich über solch herrliche Szenen freut, wie beispielsweise dem Kauf und Transport einer Waschmaschine, die einiges an Spielzeit einnimmt, was mitunter daran liegt, dass der Weg vom Waschmaschinengeschäft bis zum Heim des Kommissars über Spanien führt. Der Authentizität wegen wurden diese Aufnahmen auch gleich in Spanien gedreht, weswegen man „Null Null Schneider 2“ wohl als den aufwändigsten Helge-Film betrachten kann.

Das Publikum selektiert sich also ganz von alleine aus, und scheinbar weiß der heutige Kinobesucher, dass ein Helge Schneider-Film nicht vergleichbar ist mit den eher klassischen Komödien eines Michael Herbig oder Otto Waalkes. Zumindest hat diesmal niemand nach 10 Minuten das Kino verlassen, und das war früher Standard. Tränen zu lachen im übrigen auch, und auch das ist mir persönlich wieder passiert, diesmal in einer wundervoll-dämlichen Zahnarzt-Szene, in welcher ein Mann mit übergroßem Bart zum Problem für den Dentisten wird.

Zurück zum Publikum: das war während der von mir besuchten Vorstellung eher rar vertreten, sprich der Saal war sehr leer, und die wenigen die mit uns Freude am Nonsens hatten, waren Studenten, also eine andere Kinogänger-Generation als einst. Das bestätigte zunächst meine Befürchtung der Humor in einem Helge-Film könnte altersbedingt sein, so dass ich ziemlich kritisch war ob der Kauf der Karte wirklich Sinn ergibt. Aber ich wurde eines besseren belehrt. „Null Null Schneider 2“ ist mehr als Nostalgie an vergangenen Filmen, er guckt sich im erwachsenen Alter nicht weniger lustig, er ist ein Original unter lauter Originalen, und nach dem Anschauen wünscht man sich Helge hätte zwischendurch nie aufgehört Filme zu drehen, so viel Spaß hat das ganze bereitet.

Einzig gegen Ende ging dem Film ein wenig die Luft aus, und der Schluss kam ein wenig zu plötzlich, aber ansonsten gibt es eigentlich nichts zu klagen. Immerhin bietet der Film all das was man erwartet, wenn man einen Streifen von und mit Helge Schneider sichtet. In einem Interview äußerte der Musiker er hätte so viel Spaß am Dreh gehabt, dass er gleich einen weiteren Film drehen könnte. Da sag ich nur: Bitte tu dies! Schnapp Dir die schauspielerischen Laien und leg wieder los. Es macht einfach Spaß jemandem bei solch sympathisch unverkrampften Herumalbern zuzusehen und dabei miterleben zu dürfen, dass die Welt des kleinen Bürgers sich eigentlich nicht sonderlich verändert hat. Und damit steht die Realität und der Helge-Film im Widerspruch zu dem was die Massenmedien uns immer wieder weismachen wollen.

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