Mittwoch, 27. November 2013

TURISTAS (2006 John Stockwell)


Rucksacktouristen landen durch eine Buspanne in Brasilien im Nirgendwo, werden ausgeraubt und geraten kurz darauf in Gefangenschaft eines Organhändlers...


Vom Opfer zum Täter ist ein kleiner Schritt...

Das Ausland ist böse, nicht nur in Amerikas Politik, in den Filmen besagter Weltmacht ebenso, und im Zuge der durch „Hostel“ mit entstandenen Torture-Horrorwelle war es gerade dieser Film, der die Grundlage für Nachahmer, und damit auch für Nachahmer im Ausland-feindlichen Bereich, ebnete, und so erschien schließlich eines Tages „Turistas“ auf der Bildfläche, der uns die Schattenseiten von Brasilien zeigen darf, wenn auch nicht ohne Selbstkritik am eigenen Volk zu äußern, das ist ja auch schon mal was, wenn man bedenkt aus welchem Tunnelblick-Land besagter Streifen kommt.

Das interessante: in seiner Rezeptur folgt man zwar stark dem „Hostel“-Vorbild, an Gewalttaten hält man sich jedoch stark zurück. Genau genommen gibt es nur eine härtere, längere Folterszene, die mit einer Operation verbunden ist zu einem Thema, welches der Film ohnehin nur als Aufhänger benötigt. Der Organhandel ist in vielerlei Filmen, schon seit der 70er Jahre mit Rainer Erlers „Fleisch“ und Michael Crichtons „Coma“, thematisiert worden und dies oftmals deutlich intensiver. Für einen Horrorfilm wie „Turistas“ ist eine Vertiefung dieser Thematik auch nicht weiter wichtig, da sie nur als Vorwand für Gewalttaten herhalten soll, aber genau jene eine Szene, in der wir Zeuge einer widerlichen Gewalttat werden und in welcher der Organhandel für kurze Zeit in den Vordergrund rückt, ist völlig uneffektiv inszeniert, da der Oberbösewicht des Streifens sich pausenlos rechtfertigt, seinem Groll gegen die Amerikaner Luft macht, einem zukünftigen Opfer, welches ihm vollkommen egal ist, die Hintergründe seiner Taten offenbart und labert und seiert und brabbelt und nervt, so dass jeder Schrecken schnell verflogen ist.

Das wirklich gigantisch unsinnige an “Turistas“ ist jedoch die Tatsache, dass die Täter viel mehr zu leiden haben als die mutmaßlichen Opfer. Schnell ohne große Hindernisse hat man sich befreit, wahre Hürden existieren ohnehin nicht in der hier vorgelebten blauäugigen Welt, in welcher nicht einmal die Kombination aus  Passverlust und Geldverlust zum echten Problem wird, verloren gegangen innerhalb einer Kultur deren Sprache man nicht spricht. Kaum ist man fast unversehrt befreit geht es den Schurken an den Kragen, so dass eigentlich die Opfer- und Täterseiten vertauscht werden, jedoch nicht zum ironischen Spiel wie seinerzeit im legendären „Muttertag“, sondern so inszeniert, als wäre Regisseur John Stockwell während des kompletten Drehs nie aufgefallen, dass seine Helden und deren Freunde kaum Opfermomente erleben.

Auf dem Weg in die Freiheit dürfen wir noch gefühlten unendlich vielen Taucherszenen beiwohnen, denen einfach die Dynamik fehlt um im Finale eines Filmes in dieser Häufigkeit zu wirken, zumal man durch die Orientierungslosigkeit die mit diesen Aufnahmen im Dunkeln zwangsweise einher gehen, ohnehin nicht mitfiebern kann, da man nie weiß ob die Verfolger sich nun in der Nähe befinden oder nicht. Wenn dann aufgetaucht in einer dunklen Höhle wer ermordet wird, dauert es etwas bis man wirklich merkt wen es da eigentlich gerade erwicht hat. Als wäre das alles nicht schon ärgerlich genug entpuppt sich der finale Konflikt mit dem Oberbösewicht als zu simpel und durch Fremdhand gelöst, was auch nicht gerade vom Hocker reißt.

Die Einführungsphase guckt sich wesentlich gelungener als der Horrorpart, da er die blassen Charaktere zumindest vor netter Kulisse präsentiert und in halbwegs interessante Situationen hineingeraten lässt. Wie im eingangs erwähnten Vorbild hält man sich aber auch in „Turistas“ viel zu lange mit der Einführung auf, so sehr sogar, dass der halbe Film damit verschwendet wird, bevor auch nur im Ansatz etwas passiert das mit dem Genre Horrorfilm auch wirklich zu tun hat. Klassische Filme des Genres konnten sich das leisten, da sie etwas zu erzählen hatten, tiefgehende Charaktere boten und gewitzt psychologisch vorgingen. Das sind alles Zutaten, die „Turistas“ komplett fehlen, so dass man wirklich nur von Zeit strecken reden kann.

Dass der Film trotz alledem nicht zum Bodensatz seines Genres wird, liegt einfach daran, dass „Turistas“ niemals wirklich langweilig wird, nette Bilder präsentiert und noch lange nicht derart gravierende Fehler macht wie die wirklich schlechten Streifen der Torture-Welle (so z.B. der erbärmliche „Train“ mit Thora Birch, der zwei Jahre später entstand, oder der lächerliche “Are You Scared“, der gerne ein “Saw“ gewesen wäre). „Turistas“ ist das Anschauen von Belanglosigkeiten am Rande der Langeweile, gerade noch geeignet zum nebenbei laufen lassen wenn man Begleitung im Alltag oder einfach nur Ablenkung benötigt. Spannend ist der Streifen niemals, schockend sowieso nicht, wahrscheinlich nicht einmal für Neueinsteiger ins Genre.

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