Sonntag, 27. Dezember 2015

THE CONGRESS (2013 Ari Folman)


Die Schaupielerin Robin Wright willigt in einen Vertrag ein, der besagt dass eine Filmfirma sie körperlich wie mimisch komplett einscannen darf, um sie nach Belieben künstlich eingesetzt innerhalb der nächsten 20 Jahre in jeden Film mitspielen zu lassen, wie es der Firma gerade passt. Sie müsse so lange lediglich untertauchen. Als die 20 Jahre vergangen sind steht eine Erneuerung des Vertrages an, und der geht wesentlich weiter als der ursprüngliche, denn eine Technik erlaubt es nun Prominente zu trinken, um ihre Identität zu leben. Auf einem Kongress versucht Robin das realitätsentfremdete Volk aufzuwecken...


Ein Schluck Robin...

Robin Wright, die Schauspielerin die einst jene Frau mimte, die auf Forrest Gumps Gefühlen herumtrampelte und jüngst in der zweiten Hauptrolle der Serie „House of Cards“ überzeugen durfte, klingt reizvoll als Wahl der Hauptbesetzung in einem sozialkritischen Science Fiction-Streifen, der nicht nur einer äußerst interessanten Idee nachgeht, sondern auch in einem Real- und Zeichentrick-Mix umgesetzt wurde. Was solle bei so viel Potential schon schiefgehen, allein schon weil der Vorgänger-Film des Regisseurs Ari Folman, „Waltz with Bashir“, ein so hohes Ansehen besitzt?

Die Antwort lautet: so einges! Denn wenn man vor lauter intellektuellem Getue den Boden unter den Füßen verliert, wird aus etwas sozialkritisch Intelligentem eine dümmliche Peinlichkeit. Das bemerkt freilich nur jene Art Zuschauer, die sich nicht gänzlich dem optischen Rausch aussetzt, welcher der Film definitiv besitzt. Wer den Kopf eingeschaltet lässt, bemerkt recht schnell dass hier etwas nicht stimmt. Zugegeben, ab dem Zeitsprung 20 Jahre später hat mir die Idee der Droge, mit welcher man zu einem seiner geliebten Stars werden kann, nicht gefallen. Ich bin also allein schon rein storymäßig vorbelastet. Und die groteske Idee, dass aufgrund dieser Droge der Kongress in einer Zeichentrickrealität stattfindet, fand auch nicht meinen Zuspruch. Aber das allein wäre alles nur eine Frage des individuellen Geschmacks und würde „The Congress“ noch nicht allgemein seinen Reiz berauben.

Dass die Zukunftswelt jedoch nicht sinnig durchdacht wurde und immer wieder ihre Widersprüche erfährt, macht das Werk, das sich für ungeheuer anspruchsvoll und intelligent hält, zu einer Katastrophe. Schon in seiner moralischen Umsetzung mit erhobenem Zeigefinger macht Folmans Werk, welches nur wenig eigene Ideen besitzt, einen inszenatorischen Fehler und wird damit ein Werk für Pseudointellektuelle, die undurchdacht nachplappern und intelligente Ansätze zu einem intelligenten Gesamtwerk fehlinterpretieren, eben weil ihnen nicht auffällt, dass das Gesamtbild brüchig und fehlerhaft ist.

Am deutlichsten wird dies ziemlich gegen Ende, wenn Robin sich aus der Rauschwelt befreien kann und die Realität zum vorher berichteten Szenario so gar nicht passen will. Da gibt es weder eine elitäre Gesellschaft der Reichen, die von der Realitätsflucht des Volkes lebt, noch eine kaputte Zivilisation, da sich niemand mehr um die reale Ebene kümmert. Menschen die vor dem Drogenzeitalter erwachsen waren rebellieren weder aktiv noch passiv. Und eine Erklärung wie die Realitätsflüchtlinge ernährt, eingekleidet und gepflegt werden, gibt es auch nicht. Diese wandern zombieartig hypnotisiert durch die Realität, gekleidet wie Penner, und doch müssten sie ja von irgend etwas leben.

Auch die imaginäre Drogenwelt wird nicht richtig erklärt. Da besitzt zwar jeder seine eigene Phantasie, kann aber mit anderen in Kontakt treten, selbst wenn die Welt des einen jener des anderen kaum ähnelt. Einzig die prominente Tarnidentität gibt es als Einstimmigkeit. Wie gemeinsame Erlebnisse möglich sein sollen, in komplett verschiedenen Realitätsebenen, wird nicht versucht zu erklären, scheint nicht einmal als Gedankenlücke bemerkt worden sein, was beweist mit welchem Tunnelblick die ach so innovative Geschichte erzählt wurde.

Richtig peinlich wird es jedoch erst dann, wenn Robin zurück in die Drogenillusion treten möchte, um ihren Sohn zu suchen. Das ist äußerst schwierig, da niemand weiß für welche Identität er sich entschieden hat und wo er sich aufhalten könnte. Wesentlich mehr Sinn würde es machen, ihn in der Realität unter all den Pennern zu suchen, wo sein Gesicht der Mutter bekannt ist. Ein Denkfehler, der kaum dümmlicher sein könnte. Den Fehler warum man in der Drogenwelt nicht altert, in der Realität aber scheinbar auch nicht wirklich, wenn ich mir den Arzt des behinderten Jungen so ansehe, kann ich noch als Unverständnis meiner Wenigkeit abtun. Vielleicht habe ich da etwas nicht verstanden. Aufgrund der anderen unübersehbaren Unsinnigkeiten zweifel ich aber selbst daran.

Das komplett ruinierte Ergebnis finde ich sehr traurig für ein Werk, welches inhaltlich solch einen tollen Aufhänger mit dem Vertrag hatte, bei dem der Schauspieler nicht mehr mitentscheiden darf wo er mitspielt. Meiner Meinung nach hätte der Film sich allein auf diese Thematik konzentrieren sollen, als eine Art Gegenstück von „S1m0ne“, so wie „EdTV“ das Gegenstück zu „Die Truman Show“ war. Schade ist es außerdem um die mühevoll umgesetzten Zeichentrickszenen, die absichtlich verschiedenste Trickfilm-Stile aufnimmt und immitiert, so dass zwar immer auch welche auftreten, die jedem von uns mal weniger gut gefallen, die man aber trotzdem als gelungen ansehen muss, eben weil sie so gekonnt den jeweils vorgegebenen Stil kopieren.

Aber was soll man den Zeichentricksequenzen und den ersten halbwegs geglückten 20 Minuten hinterher trauern, wenn ein Film vor lauter Belehrung und moralischem Übermut den Sinn des Erzählten aus den Augen verliert, dies nicht bemerkt und vor peinlichem Hintergrund weiter seinem intellektuellem Getue nachgeht. Wie gesagt: wer sich lediglich berauschen lässt und aufgrund intelligenter Fragmente dem Film als Gesamtes selbiges zuspricht, oder lediglich hirnlosen Medien nachplappert dass „The Congress“ ein anspruchsvolles Science Fiction-Werk wäre, der sitzt im richtigen Film und weiß es selbst dann nicht besser, wenn man ihn auf die Fehler des Streifens hinweist. Jeder mündige mitdenkende Zuschauer hingegen wird sich mit Schaudern von diesem Werk abwenden, das in seiner Lehrer-haften und unsinnigen Art nicht einmal mehr dazu einlädt, sich zumindest an der liebevoll gestalteten Optik zu ergötzen.


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