COLOSSUS (Colossus: The Forbin Project 1970 Joseph Sargent)


Ein Computer namens Colossus übernimmt eigenverantwortlich, frei von Emotionen, die Verteidigung der USA. Kurz nach seinem Start entdeckt er ein Schwesterprogramm in Russland, zu dem er Kontakt aufnehmen möchte. Als ihm dies aufgrund fehlender Kontrollmöglichkeiten keine Staatsgeheimnisse zu übermitteln nach einiger Zeit untersagt wird, greift Colossus zu Gegenmaßnahmen und beginnt, weit besser funktionierend als gedacht, nach und nach die Kontrolle über seinen Schöpfer zu gewinnen...


In der Gefangenschaft einer Maschine...

„Colossus“ ist weit weniger bekannt, als er es verdient hätte, entstanden in einer Zeit in der mit „Rollerball“, „Soylent Green“, „Phase IV“ und vielen anderen Filmen das Science Fiction-Genre viele der gelungensten Werke ihres Fachs hervorbrachten, zu dem sich zweifelsohne auch Joseph Sargents Beitrag über einen Riesencomputer, der eine künstliche Intelligenz entwickelt, dazuzählen darf. Trügerisch beginnt er eher amüsant anstatt bedrohlich, was auch einige Zeit, unterstützt von verspielter Musik, so bleiben wird.

Erst nach und nach wird dem Zuschauer klar wie böse die Situation tatsächlich ist und welch ernste Töne der Film beginnt anzusprechen. In der Zwischenphase wechseln sich Bedrohung und Belustigung innerhalb eines faszinierenden, sich stets weiterentwickelnden, Szenarios ab, bis die bittere Pille, meist durch Symbolik bekannter Verbrechen an der Menschheit, schließlich nicht mehr zu ignorieren ist und den Zuschauer, gerade mit den damaligen Sehgewohnheiten, schlichtweg überrumpelt.

Ein verschmitzt agierender Eric Braeden hilft ungemein förderlich bei dieser Täuschung, was um so mehr zu gefallen weiß, wenn man ihn gegenteilig besetzt als Schurken aus „Flucht zum Planet der Affen“ in Erinnerung hat. Die restliche Besetzung ist kaum von Bedeutung und fällt auch nicht sonderlich nennenswert auf. Braeden fängt gemeinsam mit einem einfallsreichen Drehbuch alles auf. Antiquierte Vorstellungen eines Supercomputers, vergangene Prüderie und die Thematik des kalten Krieges mögen „Colossus 1980“ (Alternativtitel) überholt oder nostalgisch erscheinen lassen, aber dieser Effekt hilft beim überschnell reagierenden, schmunzelnden Zuschauer um so mehr bei besagter Täuschung vor der wahren Bitterness des Stoffes, freilich ein Zubrot welches die Verantwortlichen des Streifens einst nicht ahnen konnten.

Mag sich „The Day the World Changed Hands“ (Alternativtitel) mit seiner Trickserei zunächst ein wenig wie damaliger Mainstream anschauen, eben weil der Zuschauer zunächst eher belustigt unterhalten wird, so versteckt sich in Wirklichkeit doch ein recht verkopfter und intellektueller Stoff hinter so viel Kurzweile, geht die Geschichte doch vorder- wie hintergründig raffiniert und wohldurchdacht Schritt für Schritt vorwärts, zwar versehen mit Täuschungen und Weiterentwicklungen die man aufgrund heutiger Erfahrungen zu der Thematik erahnen kann, aber nicht zwingend muss. Zu was die Maschine alles fähig ist und wie konsequent sie welchen Weg geht wird auch heute noch viele Zuschauer überrumpeln und begeistern. Und selten wurde ein solches Thema derart geistreich und kurzweilig zugleich eingefangen, vorausgesetzt man kann mit den ruhig erzählten Werken von damals etwas anfangen.

Auf anderer Ebene ist „The Forbin Project“ (Alternativtitel), gerade für Sehgewohnheiten von heute, recht trocken erzählt und lebt viel vom Dialog zwischen Forbin und seiner Erfindung. Aber die verspielt hervorgehobene, fast schon kindlische Bockigkeit von Colossus und später auch jene von Forbin, brechen mit solch sympathischem Charakterzug und solch augenzwinkerndem Umgang jegliche staubige Atmosphäre auf, so dass Verweigerer verkopfter Stoffe trotzdem Zugang zu diesem Meilenstein des Science Fiction-Films gewinnen müssten. Ohnehin wird die eigentliche (versteckt erwachsene) Brillanz des Stoffes und der Umsetzung immer wieder aufgebrochen durch das Erwecken der Abenteuerlust Forschung beim Zuschauer (die Mathematik der Zukunft, die gemeinsame Computersprache, das Erforschen ferner Weltallregionen, ...) und wie bereits erwähnt durch die Bockigkeit der beiden Hauptfiguren, ein Aspekt der gerade in der deutschen Fassung durch die „Stimme“ Colossus‘, bevor dieser tatsächlich eine erhält, positiv verstärkt wird.

Interessant ist, dass der private Aspekt Forbins relativ klein gehalten wird. Das mag widersprüchlich klingen, lehnt sich die Geschichte gerade ihm betreffend doch deutlich an „1984“ an und zeigt in verstörender, wie belustigender Art wie Colossus Forbin schrittchenweise immer intensiver überwacht und somit seiner Freiheit und Privatsphäre beraubt. Dem Film tut diese Reduzierung jedoch gut, da man sich so dem eigentlichen Hauptthema besser zuwenden kann. Die wenigen privater ausgefallenen Szenen, kurze Augenblicke von Romantik, zeigen in ihrer überholten, unfreiwillig belustigenden Art schließlich auch, dass „Colossus - The Forbin Project“ (Originaltitel) niemals so zeitlos intensiv zu gucken wäre, wenn dieser Aspekt einen größeren Raum eingenommen hätte.

So aber bleibt ein beeindruckender Film, dem seine Entstehungszeit ihm zunächst ein Beinchen zu stellen scheint, bevor sich auch dies als hervorragende Ablenkung vor einem wahrlich großen und beunruhigenden Stoff herausstellt. „Colossus“ muss sich vor den oben genannten Science Fiction-Werken ebenso wenig verstecken, wie vor „Westworld“, „Der Omega Mann“, „Die Frauen von Stepford“, „Die Delegation“ und all den anderen großen Science Fiction-Filmen dieser Zeit. Er ist ein Film zum Immerwiedergucken und beeindruckt mich mit jeder Sichtung immer wieder aufs Neue. Mit seinem unterhaltsam funktionierenden Mix aus intellektueller Brillanz und verspielt versprühendem Charme ist er ein Meisterwerk für sich, welches Popkornkino und Autorenfilm perfekt vereint.


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