2018/01/07

DIE ERZÄHLUNG EINER WEISSEN SCHLANGE (Hakuja-den 1958 Kazuhiko Okabe u.a.)


Als Kind besaß Xu-Xian eine weiße Schlange, von der er sich trennen musste, da die Erwachsenen Probleme mit ihr hatten. Als junger Erwachsener wird er von ihr in Gestalt der jungen Bai-Niang aufgesucht. Ein alter Magier, der im Gegensatz zu Xu-Xian den Zauber hinter Bai-Niang erkennt, vermutet böse Absichten hinter ihrem Handeln und verhindert die romantische Zweisamkeit, welche beide sich wünschen. Aber die weiße Schlange gibt nicht auf und weiß um ihre Liebe zu kämpfen...


Der langweiligste Held der Welt...

Warum die zweite Verfilmung einer so oft erzählten Geschichte einen Blick wert ist, ist filmhistorisch schnell erklärt, handelt es sich bei „Die Erzählung einer weißen Schlange“ doch um den ersten farbigen Anime-Langfilm, und da ist es schon interessant zu sehen wie anders und doch recht ähnlich all das begonnen hat, was heute noch immer auch außerhalb Japans Millionen von Menschen zu begeistern weiß. Seinerzeit wurde der Streifen in sämtliche Länder verkauft, meist jedoch mit mäßigem Erfolg, was verständlich ist, so intensiv wie Okabes Werk in den Mythologien Chinas steckt und so fremd der Gesellschaft Europas und Amerikas dieses zur Entstehungszeit war. In Deutschland öffnete man sich erst Mitte der 90er Jahre den Mangas, trennte sie hier nach den Begriffen Manga für den Comicbereich und Anime für jenen des Filmes. Was zunächst wie eine kurzlebige Jugendkultur erschien, wurde zu einem festen Bestandteil der deutschen Medienkultur.

Was mich an „Panda and the Macic Serpent“ (Alternativtitel) so zu faszinieren weiß, ist der durch ihn erlebte x-te Beweis, dass keine hochtrabende Grafik vorhanden sein muss, um optisch zu faszinieren. „Erzählung einer weißen Schlange“ ist seinerzeit keineswegs dahingeschludert worden, er wird bereits damals halbwegs auf technischen Hoch anvisiert gewesen sein. Er benötigt aber auch keinen weiteren Fortschritt in diesem Bereich, um zu beeindrucken, wissen die klassisch animierten Comicfiguren doch zu funktionieren und der schlichte Hintergrund in seiner treffsicheren romantischen Art zu gefallen, so klassisch der Zeichenstil die langjährige Zeichenkultur Chinas einfängt und dabei Bilder zum Hineinträumen hinterlässt. Rein optisch hatte mich das Werk der Regisseure Kazuhiko Okabe und Taiji Yabushita schnell in seinem Bann, und bis zum Schluß genoss ich das wirkungsreiche weniger ist mehr-Prinzip und die Leichtigkeit und den simplen Stil der humorvoll anvisierten Figurenanimation.

Dem gegenüber steht ein Plot, der an wirrem, kaum durchzublickenden Hokuspokus und an Naivität nicht zu überbieten ist. All das Übernatürliche des Streifens wird als selbstverständlich eingefordert, Hintergründe des Geschehens werden nie geklärt, und das kann einen schon vor den Kopf stoßen bei all den vielen hier gelebten Taten, die nicht von dieser Welt sind. Dem Fantastischen stehen Vermenschlichungen von Tieren zur Seite, die teilweise dominante Parts der Laufzeit einnehmen und dabei ebenso wenig auch nur halbwegs in die menschliche Realität eingebunden werden und somit auch dem nichtmagischen Bereich eine Surrealität bieten. Damit wird aus „Hakuja-den“ (Originaltitel) ein rein phantastisches Etwas, in welches man entweder voll aufgehen kann, oder dem Treiben nur theoretisch folgen kann, ob interessiert am Geschehen oder nicht.

Dem Held der Geschichte fehlt es an Charakter, um sich an ihn als Identifikationsfigur zu orientieren. Sein Handeln ist meist passiver Natur, sein Verständnis der Geschehnisse um ihn herum nicht das schnellste, und meist jammert er nur herum. Es braucht nicht verwundern, dass dieser Anwärter zum langweiligsten Helden der Filmgeschichte die normalste Animation erhalten hat. Was andere Figuren an Lustigkeit oder Mystik beschert bekommen haben, fehlt bei Xu-Xian völlig, so dass seine komplette Gestalt zur Langeweile verkommt.

Auch in die magische Handlung selbst konnte ich mich nur schwer einfühlen, ist sie doch wie typisch für ihre Entstehungsregion aufgrund des romantischen Zentrums der Geschichte höchst verkitscht ausgefallen. Den inneren Ansporn der beiden Verliebten kann man nicht nachempfinden, da man nicht versteht warum sie sich zueinander so intensiv hingezogen fühlen. Vielleicht hätte man, um zumindest die Motivation der Schlange zu verstehen, die Vorgeschichte aus der Kindheit zu Beginn nicht nur kurz anreißen dürfen, was anbei durch die völlig anders angewendete Optik dort zu einem eigenen Hingucker des Streifens wird.

Selten schafft es ein Film, der mich inhaltlich und gefühlstechnisch derart außen vor lässt, mich trotzdem für sich zu gewinnen. Es mag sein dass mein Unterbewusstsein da ein wenig mitsteuert, habe ich „Erzählungen einer weißen Schlange“ als junges Kind doch gelegentlich gesichtet, ohne mich vor der Neusichtung auch nur an irgend ein Detail erinnern zu können. Selbst während des Sichtens kamen nur grobe Erinnerungen zurück, ein klassisches Baden in der Nostalgie alter Liebhaberstücke aus der Kindheit ist der Film für mich somit nicht geworden. Und doch mag ich ihn trotz all seiner Sperrigkeit und Unsinnigkeit, die man ihm keineswegs abstreiten kann. „The White Snake Enchantress“ (Alternativtitel) lebt von seinen einzelnen Momenten, ob es nun die knuffigen Abenteuer des Pandas mit dem optisch so merkwürdig ernst animierten hellen Schwein ist, der Kampf des Magiers mit seiner ominösen Kugel gegen Bai-Niang oder dem Riesenwelz, oder gar der völlig aus dem Rahmen fallende Ausflug der weißen Schlange in die Tiefen des Weltalls. Hier weiß so manches trotz fehlender Orientierung zu beeindrucken.

Verglichen mit amerikanischen Werken trumpft „Die Erzählung einer weißen Schlange“ jedoch noch mit etwas völlig anderem, etwas sehr lobenswertem, aber auch mit etwas das die Kultur Amerikas als geprägter Militärstaat nun einmal von Japan und Europa unterscheidet: es existiert keine Trennung in Gut und Böse. Sicherlich gibt es in der Figur des Magiers einen Gegenspieler, aber der ist von den guten Absichten seiner Taten ebenso überzeugt wie das Liebespaar von den seinen. Am Ende des Filmes darf er gar seinen Irrtum einsehen. Leider beobachte ich in den letzten Jahren immer intensiver, dass Deutsche durch die intensive Beeinflussung amerikanischer Medien ebenfalls immer mehr dazu neigen die Welt in Gut und Böse aufzuteilen, was meiner Meinung nach komplett irrational ist. Dementsprechend tut es gut, dass möglichst viele alte Werke DVD-Veröffentlichungen erhalten, um gegen diese Modeerscheinung zu halten. „Die Erzählung einer weißen Schlange“ darf sich im Kampf gegen diese Art Verdummung gerne hinzugesellen, auch wenn sie in jedem weiteren Bereich nicht gerade intelligent ausgefallen ist.


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