2018/03/24

ELFEN LIED (Erufen rîto 2004 Mamoru Kanbe)


Da er für das Studium heimkehrt, zieht Kôta zusammen mit seiner Cousine Yuka in das Haus seiner verstorbenen Eltern ein. Am Strand treffen sie eines Abends auf eine junge Frau mit Hörnern am Kopf, die sich nicht mitteilen kann und welcher jegliche Alltäglichkeiten des Lebens fremd zu sein scheint. Anstatt die Polizei zu alarmieren, nehmen sie die Fremde mit nach Hause, nichts ahnend dass diese eine, lange Zeit in einem Labor gefangengehaltene, Mutation ist, die von einem tödlichen Rachegefühl getrieben wird. Zur Zeit erinnert sich die gewaltsam befreite Person an nichts, hin und wieder bricht jedoch ihre wahre Persönlichkeit heraus und geht gnadenlos mit den Menschen um, denen sie begegnet. Kôta ahnt von alledem nichts und erst recht nichts davon, dass seine Vergangenheit in Verbindung mit dem Verhalten der Mutantin steht...


Bittersüße Gewalttaten...

Wenn "Elfen Lied" beginnt und man sich frei jedweder Informationen an den Stoff heranwagt, dann überrascht die Brutalität mit der das Anfangsszenario angereichert ist. Eine nackte Frau besitzt übernatürliche Fähigkeiten und metzelt erfahrene Soldaten mit links hin. Das Blut spritzt, als wäre es das normalste von der Welt. Man selbst schaut erstaunt zu, zusätzlich neugierig gemacht durch die Geheimnisse, die das gehörnte Mädchen umgeben. In der Zusammenkunft mit den menschlichen Helden Kôta und Yuka wird man zusätzlich absichtlich verwirrt, benimmt sich die Gehörnte ihnen gegenüber doch keinesfalls gewalttätig, nicht einmal zu erwachsenem oder gar kindlichem Dialog fähig. Täuschung? Ein Trick? Die Fähigkeit zwischen guten und bösen Menschen zu unterscheiden? Man weiß es nicht, gibt die Geschichte doch glücklicher Weise lange Zeit nicht zu erkennen, worauf sie eigentlich hinaus möchte.

Zudem verwirrt der widersprüchlich scheinende Stil des Filmes, der zum einen Nackedeibilder und schwerste Gewalttaten zeigt, seinen Helden jedoch die großen, kitschigen Animeaugen beschert, wie sie in Kinder- und Jugendprodukten dieser Gattung Zeichentrick stets zu sehen sind. Erst mit der Zeit erkennt man, dass dies keineswegs ein Stilbruch bedeutet, denn auch wenn dies etwas später geschieht, der inhaltliche Kitsch rutscht nach und "Elfenlied" (Alternativtitel) wird zum ungewöhnlichen Hybrid aus Gewalt und Kitsch. Trotzdem hätten die funkelnden großen Augen, die alles andere ihrer Figuren dominieren, nicht sein müssen, zumal das Ganze ansonsten für eine Serie hervorragend animiert ist. Die Farbgebung weiß zu gefallen, der schlichte aber effektive Figurentyp beeindruckt, so dass "Elfen Lied" nicht einzig wegen seiner reißerischen Schauwerte zum Hingucker wird.

An massentauglichen Zutaten wird nicht gespart, wie man sicherlich herausliest, um so überraschter darf man darüber sein, dass "Erufen rîto" (Originaltitel) keinesfalls geistlose Unterhaltung für den Schnellverzehr geworden ist, sondern eine weitaus komplexere Handlung mit einigen intelligenten Tiefen zu bieten hat, die dem anspruchsvollerem Publikum zusagen werden, ohne dass "Elfen Lied" dabei gleich deswegen ein Geniestreich geworden ist. Hierfür ist das finale Entknoten aller Ereignisse zu einfach gehalten. Hierfür ist der Erzählstil nicht stilsicher genug angegangen, wenn die Geschichte, um inhaltlich überhaupt zu funktionieren, mehr als eine Episode für einen ewig langen Rückblick benötigt, innerhalb eines Stadiums der Geschichte, in dem man stattdessen eigentlich mehr über die aktuellen Geschehnisse erfahren möchte. Hierfür werden zu oft und zu lang bereits bekannte Szenen noch einmal gezeigt. Und hierfür wird dann doch zu sehr auf Action und Nacktheit im reißerischen Rahmen gesetzt, auch wenn viele andere Szenen diese Zutaten für Wichtigkeiten der Geschichte und des Gesamtstils der Reihe nutzen.

Aber was sich alles arg streng liest, ergibt am Ende trotzdem eine überdurchschnittliche Animeserie, die es verdient hat beachtet zu werden, so interessant die Geschichte doch erzählt ist und so sehr wie sie es schafft den Zuschauer Folge für Folge wieder an den Fernseher zu binden, damit dieser endlich erfährt wie es weitergeht und manche Geheimnisse endlich gelüftet werden können. Etwas schade fand ich es, dass das Aufeinandertreffen von Kôta und der Gehörnten keine Zufallsbekanntschaft blieb, sondern sich stattdessen aus derer Vergangenheit ein Seifenopern-artiges Szenario stricken ließ. Zur zweiten Hälfte der Serie ließe sich daran aber ohnehin nichts mehr ändern, da dieser Fakt untrennbar mit den weiteren Geschehnissen verbunden ist und zum Hauptaugenmerk der Geschichte wird, was für mich auch ein Grund ist, warum die diesbezüglich freier atmen könnende erste Hälfte für meinen Geschmack wesentlich besser ausgefallen ist als die zweite. Letztgenannte baut auf typisch zeitgenössischen Zutaten seiner Entstehungszeit auf, die einen Zufall nicht einfach Zufall sein lassen können und ein Mysterium nicht Mysterium. Alles muss erklärt und bis ins kleinste Detail durchschaut werden, und typisch Japan will sich in Sachen psychologischer Glaubwürdigkeit auf Kosten von Gefühlsgedusel und dem Glauben an Schicksal alles auch nicht wirklich so tiefsinnig anfühlen wie anvisiert, zumindest mit europäischen Augen.

Aber auch dies klingt in meinen Worten geschrieben viel schlimmer als es eigentlich der Fall ist, denn mag die zweite Hälfte der Serie auch nicht mehr so enorm wirken wie zuvor (zu Beginn dachte ich noch einem wahren Geheim-Tipp beizuwohnen) und manches zuvor Gesehene entmystifiziert werden, so bleibt "Elfen Lied" doch trotzdem eine spannende Sache, auch wenn man dem Stil kitschiger Anime wohlwollend zugewandt sein muss, so dick wie hier viele Gefühle oder gar Figuren dargestellt werden. Glücklicher Weise zähle ich als seltener Gast dieser Gattung Film scheinbar trotzdem noch dazu, so befremdlich das auch manchmal auf mich wirken mag. Es sind so herrlich kranke Ideen wie die Gehörnte im Rollstuhl, die "Elfen Lied" in der späten Phase noch solch enormen Sehwert bescheren. Und es ist die konsequente Art, mit welcher der Autor seine Vision seiner Geschichte gestaltet, inhaltlich frei von Zwängen, die dem Stammpublikum gefallen sollen (in diesem Punkt trennen sich Inhalt und äußerer Stil der Serie). Kompromisslos wird die Geschichte zu einem Ende geführt, wenn in der letzten Folge auch ein wenig zu holprig angegangen. Hier hätte ich mir die Geschehnisse verteilt auf eine Doppelfolge gewünscht, dann hätte man auch mehr auf Erklärungen des Gezeigten eingehen können, da gerade die Erkenntnisprozesse Kôtas auf Kosten von Actionmomenten übergangen werden. Gerade dessen innerer Umgang mit der neuen Situation wäre mir persönlich wichtig gewesen, um dem was gerade passiert etwas mehr Tiefe zu verleihen. 

Zumindest endet "Elfen Lied" mit einer Szene, die jeder für sich selber deuten muss, denn ganz so eindeutig erscheint sie mir nicht, auch wenn ich mir trotz aller Glückseligkeit am Schluss sicher bin, dass sie nichts Gutes zu bedeuten hat. Wie auch immer: die Serie weiß zu gefallen, ist über Durchschnitt erzählt, kann das gewöhnliche Publikum ebenso wie das anspruchsvollere faszinieren und weiß auch in seinen vergleichsweise qualitativ geringeren Phasen noch immer einen hohen Unterhaltungswert zu erzeugen. Die Geschichte ist ein Selbstläufer, deren Dynamik man sich als neugieriger Zuschauer nicht entziehen kann. Und der teilweise verstörende Mix aus Härte und Kitsch, gepaart mit der gewollten Provokation nackter junger Körper, besitzt einfach seinen Reiz, um auch Gefallen an den quantitativen Elementen dieses wirren Zutatencocktails  zu finden. Ein Hauch intellektuelle Raffinesse trifft auf Esoterikmomente in plumpem Psychologieverständnis. Inhaltlich wie stilistisch treffen in "Elfen Lied" stets qualitative und quantitative Stärken aufeinander, und da es sich auf beiden Seiten um Stärken handelt, stehen sie nicht im widersprüchlichen Kampf gegeneinander, sondern verbinden sich stattdessen zu einem ungewöhnlichen, manchmal verwirrenden und verstörenden, aber definitiv wunderbar funktionierenden, Leckerbissen für Freunde harter Zeichentrickwerke.


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