Mittwoch, 18. April 2018

THE GREEN INFERNO (2013 Eli Roth)


Die amerikanische Erstsemesterin Justine nimmt an einer politischen Protestaktion in Peru teil und stürzt nach getaner Arbeit mit der Aktivistengruppe über dem tiefen Dschungel ab. Dort gerät sie zusammen mit den anderen Überlebenden in die Fänge eines Kannibalenstammes...


Der falsch ausgesuchte Penis...

Eli Roth ist mit seinen Extremfilmen "Cabin Fever" und "Hostel" nicht gerade dafür berühmt realitätsbezogene Streifen abzuliefern. Mit seinem Hang zur Härte scheint er eine treffsichere Wahl als Regisseur und inhaltlicher, wie finanziell Mitverantwortlicher eines Kannibalen-Horrors zu sein, jener Gattung Genrebeitrag, die Ende der 70er Jahre bis Anfang der 80er Jahre einen kurzen Boom erlebte und danach fast völlig ausgestorben nur noch höchst selten weiterverfolgt wurde (im klassischen Bereich fast gar nicht). Der Kannibalenfilm war für seine unappetitliche Art bekannt, für seine Provokation, seine Härte und war berüchtigt für oftmals reißerische Schauwerte ohne politischen Tiefgang und den häufig angewendeten Tier-Snuff in Zeiten vor diversen Tierschutzgesetzen im Filmbereich. Nur selten gab es gar intelligente Beiträge zu diesem Thema zu sichten, und meist wurde derartiges von Ruggero Deodato inszeniert ("Mondo Cannibale 2", "Nackt und zerfleischt").

Wer nun glaubt selbigen Tiefgang in einem Eli Roth-Film erwarten zu dürfen, der irrt. "The Green Inferno" soll lediglich ein schockierender Unterhaltungsfilm sein, hauptsächlich für ein Ami-Publikum inszeniert, und dies fällt einem als europäischer Zuschauer auch in diversen Punkten unübersehbar auf, so z.B. in der klischeebeladenen, vorverurteilenden Sicht auf andere Kulturen, wie sie bereits von Roth in den beiden "Hostel"-Filmen zelebriert wurde, noch auffälliger jedoch unfreiwillig komisch zu beobachten im Hauptteil des Filmes, der uns einen Wildenstamm zeigt, der sich für jeglichen noch so kleinen Aspekt von Nacktheit schämt. Da wird trotz dem Hang zur Fremdenfeindlichkeit die Kultur der anderen unfreiwillig aufgrund diverser religiös beeinflusster Hollywood-Regeln mit jener der Amis vermischt. Mit der (Ami)Prüderie der Wilden wirkt jeglicher Aspekt innerhalb des Stammes unrealistisch und auch einen gewissen Hauch lächerlich, so dass man nie intensiv genug in den Film eintauchen kann. Stets bleibt er viel zu offensichtlich US-Kino.

Ein wenig verwirrt darf man über die geradezu typisch angewendete Prüderie trotzdem sein, zeigt uns Roth doch lange Zeit vor der unfreiwilligen Einkehr ins Kannibalendorf in einer Pinkelszene die Ansätze eines Penisses, was wohl das Ami-Publikum schockieren soll, den Europäer zumindest überrascht, und sich später bei den komplett verdeckten Kannibalen nur noch als geheuchelte Provokation herausstellt. Nun ist dieser traurige Aspekt eigentlich nicht so viele Zeilen wert, wie ich nun für diesen Hinweis verschwendet habe, denn wie erwähnt soll "The Green Inferno" lediglich unterhalten. Bedenkt man aber dass Roth dennoch immer wieder versucht diverse Gruppierungen der Gesellschaft kritisch zu hinterfragen, was gegen Ende in einem größeren Umfang kritisiert wird, als zunächst noch in übersichtlichen Kategorien, dann fragt man sich doch warum Roth diese Aufklärungsansätze in einen Film integriert, der ansonsten keineswegs irgendeine Form von Realismus beinhaltet. 

Die Figuren im Film handeln alle völlig Banane (Euphorie weil eine billige Protestaktion angeblich alles gerettet hat, Ernüchterung weil man nicht von selbst drauf kam, dass dieser Fakt nur Verarsche sein kann, Masturbation eines Amerikaners während ein Mitaktivist verspeist wird, weltfremdes Verhalten im Dschungel aufgrund von Luxusproblemen, ...), die Geschichte suhlt sich in jeglichen Klischees, in der Aktivistengruppe befinden sich Charaktere (soweit man diesen Begriff überhaupt verwenden kann), die nie an derartigen Aktionen teilnehmen oder sich von Alejandro beeinflussen lassen würden, und selbst die Schlussaktion, die höchst gesellschaftskritisch und provokativ sein soll, ist derart unsinnig ausgefallen und auf die Heldin bezogen auch in keinster Form nachvollziehbar, dass man sich auch nur im Kino für die Masse befinden kann, welches derartig vorgesetzten Unsinn kritikfrei gourmiert, also einem Filmbereich in dem psychologisch sinnvoll denkende Autoren nicht verkehren.

Andererseits ist gerade der Blick aufs Massenpublikum die Faszination, die "The Green Inferno" zu verursachen weiß. Ein Schund-Genre, dem jeglicher Mensch außerhalb von Horror-Fan-Kreisen bislang entweder naserümpfend, desinteressiert oder belächelnd begegnet ist und das stets als minderwertig galt, wird nun in aufpolierter Optik und weltfremder Erzählung für ein großes Publikum zurechtgestutzt, was bei Erfolg die Chance einräumt, dass weitere Produkte dieses totgeglaubten Genres auf den Markt kommen könnten. Bislang musste man, wenn überhaupt etwas derartiges erschien, auf solch schlechten Unfug wie "Isle of the Damned" zurückgreifen, alternativ machte der Griff zu älteren Werken jedoch mehr Sinn. Es kann also sein, dass diesem eher mittelprächtig und dümmlich ausgefallenem Mainstreamwerk vielleicht bessere Produktionen folgen, die sowohl für den Gorehound mehr Goreszenen enthalten (bei aller Härte erhascht man in Roths Werk doch nie einen exakten Blick auf Gräueltaten, was eigentlich ein elementarer Bestandteil des Kannibalen-Horrors ist), als auch eventuell für den mehr erwartenden Cineasten auch etwas mehr Tiefgang und Intelligenz. Dass dies im höchst verpönten Kannibalen-Horror möglich ist, bewies Deodato zwei Mal, auch wenn dümmliche Menschen in ihm lediglich den Provokateur erkennen (wollen).


Weitere Besprechungen zu The Green Inferno: 


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