28.07.2018

ALS HITLER DEN KRIEG ÜBERLEBTE (1967)

Während alternative Fiktionen zum Thema Hitler wie "Er ist wieder da" und "Vaterland" ihre Thematik nutzen um das Übel von Faschismus und Rassismus näher auszuleuchten, geht der cleverer angegangene "Als Hitler den Krieg überlebte" einen Schritt weiter und zeigt wohin Fanatismus führen kann, wenn man sich auf der richtigen Seite wähnt. Anti-Faschisten spielen ein übles Spiel mit dem noch lebenden Adolf Hitler, um Gerechtigkeit auszuführen und begehen dabei selbst Ungerechtigkeiten. Innerhalb seiner Sekten-ähnlich organisierten kleinen Welt wird der Anführer der Anti-Faschisten selbst Führer eines totalitären Systems, von seinem Auftrag überzeugt und sich keiner Schuld bewusst, über Leichen gehend für die gute Sache. Zbynek Brynych, der auch für die Groteske "Die Weibchen" und diverse "Derrick"-Folgen verantwortlich war, und auch am Drehbuch des hier besprochenen Psycho-Dramas mitschrieb, arbeitet nicht nur subtil mit dieser Thematik, in einer der letzten Einstellungen des Filmes zeigt er die Spiegelung beider Personen unübersehbar mit unbeabsichtlichtem Hitlergruß und übereinstimmender Mimik während einer sich in Rage redenden Ansprache an die Untergebenen.

Hitler wird ebenso als Opfer wie als Täter gezeigt, hier soll nichts von dem schön geredet werden, was schreckliche Ausmaße annahm. Aber Brynych thematisiert etwas, was ich in aktuellen Debatten zum Thema Rassismus immer wieder vermisse: den Fakt dass das Gegenteil des Böse angesehenen nicht automatisch gut ist und dass die Wahrheit aus viel mehr Grautönen besteht, als Idealisten und Extremisten zu erkennen vermögen. Selbst die Identifikationsfigur Dr. Hermann, über dessen Unwissenheit wir das zunächst schwer verständliche groteske Treiben vor Ort mitverstehen lernen, wird keineswegs als vertretenswerte Alternative angeboten. Zwischen den Stühlen sitzend und immer wieder auf den Aggressor einredend man möge Hitler den Nürnberger Prozessen ausliefern, steht er vor einer schwierigen Entscheidung. Die Situation dessen was von ihm erwartet wird kocht hoch, schließlich soll er gar Hitler erblinden lassen. Ein Richtig oder Falsch gibt es als Entscheidung nicht, und somit bleibt auch seine finale Tat diskutabel innerhalb eines Stoffes der allerhand Material zum Diskutieren bietet, sei es die eigentliche Thematik betreffend oder den Weg der gewählt wurde, um diese Fiktion zu erzählen.

"Ich - Die Gerechtigkeit" (Alternativtitel) ist in seiner trockenen, recht distanzierten Orientierung sehr nüchtern ausgefallen, ist eher Drama als Thriller, wie er vielerorts bezeichnet wird, lässt sich aber ohnehin schwer in eine Schublade stecken. So grotesk wie "Die Weibchen" ist er nicht ausgefallen, auch wenn vieles von dem was wir hier erleben zunächst aufgrund von Unwissenheit, teilweise aber auch später im aufgeklärten Zustand diesem Adjektiv entspricht. Wenn Anti-Faschisten fast in Karnevalslaune mit Schauspiel und Gelächter ihre Show abspielen, von der sie denken sie würde der Gerechtigkeit dienen, dann atmet "Já, spravedlnost" (Originaltitel) die Luft des Bizarren und Verdrehten. Dennoch fühlt es sich in diesem nüchternen Erzählton, der trotz Parteiergreifung einem stets sachlich erscheint, weil er in seiner intellektuellen Machart auf Gefühlsmanipulation jeglicher Form verzichtet, nicht so grotesk an wie es sein müsste, vielleicht auch weil zwingend eine Ernsthaftigkeit über allem aufgrund der Grundlage der Thematik schwebt.

"Als Hitler den Krieg überlebte" gefällt als andere Art der Verarbeitung des Themas Hitler und Nazis, drückt nicht die üblichen Knöpfe, ruht sich nicht auf den üblichen aufklärerischen Kern aus, der andernorts immer wieder wiederholt wird, teilweise der Gewöhnung wegen. Brynychs Werk ist eine Auseinandersetzung barrierefreier Gedanken, sich dem Thema mündig und reflektiert nähernd, ist freier als Werke der heutigen Zeit inszeniert, da er sich nicht nur innerhalb der Moral des aktuellen Zeitgeistes bewegen darf. Brynych geht einen Schritt weiter, richtet sich an ein intelligentes Publikum, ohne sein Werk dabei zu verkopft oder überambitioniert zu gestalten, ohne innerhalb eines intelligenten Ansatzes x weitere bieten zu müssen. Der Film ist ein Werk seiner Zeit, darf noch langsam und innovativ erzählt sein, darf sich auf eine einzige Idee ausruhen, die provoziert ohne krampfhaft provozieren zu wollen. "Als Hitler den Krieg überlebte" soll zum Nachdenken anregen, und er spaltet sein Publikum. Zunächst dadurch dass sich manch einer dem hier aufgezeigten Blickwinkel nicht nähern kann, und beim Zielpublikum schließlich mit seiner Methodik, die bei solch schwieriger Thematik sicherlich nicht jeden schmecken wird.  OFDb

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