Donnerstag, 6. September 2012

JERRY COTTON (2010 Cyrill Boss u.a.)


Jerry Cotton ist der gewiefteste FBI-Agent, den Amerika zu bieten hat. Doch ausgerechnet er wird Tatverdächtiger eines Mordes. Von den eigenen Leuten gejagt, kann nur sein neuer Partner Decker, von dem Cotton herzlich wenig hält, dem in Verruf gekommenen Gesetzeshüter dabei helfen die Wahrheit herauszufinden...


Vertrauen in die eigene Stärke...

Denkt man an Jerry Cotton, denkt man entweder an die Endlos-Groschenheftreihe mit trivialen Kriminalfällen oder an die Filmreihe aus den 60er Jahren, die auf etwas biederer Ebene alternativ neben der Wallace-Werke die deutschen Lichtspielhäuser heimsuchte. Ursprünglich war die Romanreihe humoristisch orientiert. Sie sollte eine Parodie auf gängige Agentengeschichten sein, die den üblichen Klischees folgten. Und daran hat man wohl gedacht, als man Tramitz in der Titelrolle besetzte und eine Neuverfilmung als  Action-Komödie auf den Markt schmiss.

Bei Christian Tramitz denken viele noch voreilig an die unlustigen Bully-Filme. Auch mir ging es so, bis mir „Neues vom Wixxer“ die Augen öffnete und mir zeigte, wie viel Potential in diesem Komikertalent steckt. Und „Jerry Cotton“ beweist es auf ein neues, beherrscht Tramitz doch perfekt die parodierende Mimik, Gestik und den Tonfall der lässigen Art eines Agenten, der nie seinen kühlen Kopf verliert, komme was wolle. Allerdings erinnert sein Jerry Cotton, bzw. jener der Drehbuchautoren viel mehr an James Bond als an einen FBI-Agenten. Macht aber ohnehin nichts, denn die Rolle seines Partners Phil Decker hat auch gar nichts mehr mit dem Blondling aus der Romanreihe zu tun.

Trotz Tramitz‘ großartiger Leistung muss man erwähnen, dass er nicht das Glanzlicht des Streifens ist. Gerade die Besetzung des Phil Decker ist Haupttrumpf. Er wird gespielt von TV-Komiker Christian Ulmen. Es war meine erste Sichtung dieses scheinbar sehr talentierten Menschen, ich kann aber eben weil ich sonst nichts von ihm kenne auch keinen Vergleich zu seinem bisherigen Tun ziehen. Das wäre eigentlich aber ohnehin nebensächlich, denn Ulmen bei seinem Dauergeschwätz zuzuhören, während dem aufmerksamen Betrachter bewusst wird, wie exakt Ulmen das Humorverständnis seiner Rolle beherrscht, ist Leistung genug. Erfreulich dass sich diesem Rezept auch noch körperorientierte Komik hinzugesellt.

Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Leistung von Christiane Paul, deren Rolle kaum übertriebener in Szene gesetzt werden könnte, was sich nicht nur im Überagieren Pauls zeigt, sondern auch in der Arbeit von Regie, Kamera, Licht und Co. Schön, dass es immer wieder Ausnahmen gibt, die zeigen, dass ein übertriebenes Spiel auch positiver Natur sein kann, gerade wenn es um comicartige Situationen und Charaktere geht.

Was an den Beispielen der drei von mir hervorgehobenen Darsteller so erstaunt, ist die Zurückhaltung der Komik in diesem Film im allgemeinen. Anhand dieser drei Rollen könnte man meinen ein Gagfeuerwerk a la „Die nackte Kanone“ zu sichten, aber das ist gar nicht der Fall. „Jerry Cotton“ stürzt sich nicht auf jeden Gag, steuert nicht einmal ständig auf gute Grundlagen möglicher Witzigkeiten zu, weiß aber mit der richtigen Gewichtung aus humoristischem Inhalt zu überzeugen. Da gibt es den trockenen Humor ebenso wie den albernen (gerne auch mal gemischt), da gibt es den massenkompatiblem Humor ebenso wie den versteckten, und wie es sich für eine gelungene Komödie gehört haben sich auch ein paar Running Gags eingeschlichen. Manchmal pausiert der vordergründige, offensichtliche Witz auch und gibt der Inszenierung Raum für Parodie oder einfach „nur“ für Inhalt, Dramaturgie und Action.

„Jerry Cotton“ gibt sich äußerst modern. Er ist sehr flott geschnitten, dem Auge wird nie langweilig, Spielereien mit Kameraperspektiven gibt es ebenso wie mit eingeblendeter Schrift, Farben oder Schnitten. Neu ist das alles nicht, aber übersättigt ist man in diesem Bereich auch noch nicht. Der Film der Regisseure Boss und Stennert gönnt dem Zuschauer keine Atempause, ebenso wie seinem Helden. Dadurch bleibt kaum Raum Charaktere zu vertiefen, interessanter Weise werden sie einem nebenbei jedoch nah genug gebracht, um mit ihnen zu sympathisieren.

Dass die Herangehensweise nicht wirklich lobenswert zu nennen ist, und nur das richtige Händchen für Timing die Chose zu retten weiß (mit dem Konzept hätte man einen solchen Film schließlich auch locker an die Wand fahren können), ist nicht wirklich wichtig, eben weil das Ergebnis so erfreulich ausgefallen ist. Einziges Manko am Drehbuch, über das ich nicht hinwegsehen kann, ist die spärliche Auswahl an verdächtigen Personen, die als Puppenspieler, Cottons Gegenspieler, in Frage kommen. Eigentlich ist das Wort Auswahl schon falsch gewählt, denn in Frage kommt ohnehin nur eine Person.

Andererseits lässt der Film ohnehin keine Zeit zum wirklichen Rätsel raten. Wie sollte man bei all dem Tempo und dem konzentrierten Warten auf den nächsten gelungenen Witz noch Zeit finden zwischen diversen Tätern den richtigen zu finden? Schon die Figur Cotton hat nur wenig Zeit für Überlegungen, die in diese Richtung gehen. Der mehr überblickende Zuschauer wird dementsprechend überhaupt nicht mehr gefordert. Etwas schade ist das schon, aber zumindest kein Beinbruch.

Eine kurzweilige Umsetzung, gut aufgelegte Schauspieler, pointensicherer Humor und eine interessante Optik führen „Jerry Cotton“ zu einem empfehlenswerten Ergebnis. Über eine oder mehrere Fortsetzungen würde ich mich sehr freuen. „Jerry Cotton“ ist eine angenehme Alternative zur „Wixxer“-Reihe, die mir ebenfalls gefällt. Deswegen finde ich es auch so schön, dass beide Projekte so unterschiedliche Humorschwerpunkte setzen.


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