Sonntag, 14. Oktober 2012

DER LÜGNER (1961 Ladislao Vajda)


Sebastian lügt seiner Tochter Nicky das Leben schön. Das Lügenmeer sorgt für allerhand Probleme, und auch das Jugendamt wird auf den Alleinerziehenden aufmerksam, allein schon deshalb, weil das Mädchen den ganzen Tag im Park spielt...


Von einer fröhlichen Welt in Schwarzweiß...

Heinz Rühmann drehte hauptsächlich eher leichte Kost, und so verwundert es auch gar nicht, dass ein Thema, wie jenes von dem der Film handelt, eher humoristisch erzählt wird. Denkbar wäre bei dieser Tragikomödie eine Gewichtung in beide Genre-Richtungen, doch nach Sichten weiß man, dass das Drama nicht so dominant vorhanden ist, wie die Komödie.

Ich persönlich bin da auch gar nicht böse drum, ich gucke Rühmann ohnehin am liebsten in Komödien, so wie es sicherlich den meisten geht. Natürlich ist der berühmte Schauspieler auch in „Der Lügner“ wieder Haupttrumpf. Er darf zwischen fröhlich und depressiv spielen, hin und wieder auch mal in kleineren Graustufen, meist aber schwankt sein Charakter zwischen beiden Extremen. Von schwarz auf weiß umzusatteln ist sicherlich keine echte Herausforderung für jemand so Erfahrenes, den Spaß an der Freude sieht man Rühmann dennoch recht deutlich an, dafür ist das Drehbuch einfach zu gelungen und schenkt ihm jede Menge tolle Szenen.

Ganz vorne an stehen dabei die Tagtraum-Sequenzen der Tochter, in denen Rühmann spielen darf, wie es einem Schauspieler in der Regel sonst nicht gestattet ist. In diesen Szenen wird der Hauptdarsteller zur reinen Comicfigur, meistert als Boxer, Polithelfer und in anderen Rollen jegliche Situationen, in einer Übertreibung, wie sie nur die Ausgeburt kindlicher Sichtweise sein kann. Wenn der schmächtige Sebastian um einen Boxer herumtänzelt, diesen damit überfordert und in der Rundenpause gemütlich Zeitung liest, während der muskulöse Profi verschwitzt Ruhe benötigt, dann sieht man Rühmann auch an, wie viel Spaß ihm das Verkörpern reinen Blödsinns macht. Sicherlich auch, weil seine Auftritte niemals würdelos oder klamaukig wirken.

Auch außerhalb der Kinder-Tagträume bescherte der Drehbuchautor Rühmann herrlich schrullige Szenen, beispielsweise wenn er Sebastian dessen Kind Stadtluft basteln lässt. Natürlich zählen zu diesen Momenten auch jene, in denen die Hauptfigur seiner Tochter das Blaue vom Himmel vorlügt, auf eine so plumpe aber auch phantasiereiche Art, wie es am Ende auch nur ein naives Kind glauben kann.

Komödien aus dieser Zeit gaukeln einem meist die heile Welt vor, und trotz der Thematik eines Mannes, der gesellschaftlich am Ende ist, ist dies auch in „Der Lügner“ der Fall. So wäre z.B. die Art zu kritisieren, wie es zum pflichtmäßigen Happy End kommt. Es stößt arg naiv auf, wie die Frau in die Geschichte gestoßen wird und wie unrealistisch, dauerhaft hilfsbereit sie in jeder Situation zu dem wesentlich älteren Sebastian hält, ihm bei Seite steht, trotz der dünnen Bekanntschaft und seiner recht unhöflichen Art. Und natürlich muss man auch bei dieser Aufzählung jene Szene erwähnen, in der ein Polizist aus reiner Nettigkeit den Chauffeur für unseren Helden spielt, nur damit dieser seiner Tochter vorgaukeln kann, er besäße ein Auto.

Das ist etwas viel heile Welt für unsere recht pessimistische Zeit. Und doch tut diese Naivität, sofern man sich auf sie einstellen kann, zur Abwechslung auch mal gut. Ich fände es grausam, wenn einem dauerhaft solche Fröhlichkeit vorgesetzt würde, aber in der Ausnahme macht es mal Spaß sich mit leichter Kost das Leben schön zu lügen. Bei so vielen guten Ideen, Witzen und bei solcher Spielfreude lasse ich mich gerne einmal auf solche Trivialst-Unterhaltung ein.
Dass die Geschichte trotz alledem richtig, sprich nicht nur augenzwinkernd, funktioniert, liegt allerdings auch daran, dass man die Dramatik nicht vollkommen wegblendete. Wie erwähnt spielt sie nicht auf gleicher Stufe wie der Humor, aber für ein kleines 60er Jahre Lustspiel gibt es doch einige bittere Momente, die sowohl situativ, als auch in der Mimik des Hauptdarstellers, nahe gehen und einen doch leicht zweifeln lassen, ob man hier nicht doch ein Ausnahmewerk ohne guten Ausgang vorgesetzt bekommt. Gerade im letzten Drittel bekommen wir häufiger ernste Szenen präsentiert, die es schaffen, den Humor zurückzusetzen, allerdings ohne ihm deshalb gleich die Wirkung zu nehmen.

Über die Besetzung an sich kann man nicht klagen. Das Mädchen spielt natürlich, die gut verkörperte Nachbarin erinnert an Frau Prusselise aus den „Pippi Langstrumpf“-Filmen (ihre Rolle betreffend hat der Film sogar einige sozialkritische Untertöne, auch zwischen den Zeilen), und die weibliche Hauptrolle ist sicherlich nicht herausragend gespielt, aber so besetzt, dass es keinen Grund zu meckern gibt. In dieser Rolle liegt keinerlei Herausforderung, von daher kann man sich glücklich schätzen, dass die Frau, die sie verkörpern musste, sie nicht lustlos runterspielte.

Im Gegenzug zu meiner ins negativ schwankenden Kritik über das Heile Welt-Verfahren der 60er, möchte ich aus dieser Schaffenszeit auch einmal etwas hervorheben, das ich als sehr angenehm empfand, gerade im Vergleich zu heutigen Filmen: das war der Umgang mit der Mädchenrolle. In „Der Lügner“ sind einige Szenen zu sehen, die heute dank politischer Korrektheit nicht mehr so auftauchen würden/dürften/sollten. Dabei ist es schön zu sehen, wie unverkrampft hier diverse Szenen gezeigt werden. Ja, da wäscht der Vater halt mal seine Tochter, die oben herum nackt ist. Ja da nimmt die Tochter dem Herrn Papa im Park ein heruntergefallenes Blatt vom Schritt weg, weil es dort nicht hingehört. Und ja, die Kamera achtet bei unserer Rockträgerin nicht fortlaufend darauf, bloß nie die Unterwäsche einzufangen. In Zeiten pädophiler Panikmache sind solche Szenen praktisch nicht mehr erlaubt. Es gibt kein Gesetz dagegen, aber keiner würde es sich mehr trauen, diese beschriebenen Situationen in Werken für die breite Masse so natürlich zu zeigen, wie wir es in den 60ern noch erleben durften.

„Der Lügner“ ist ein rundum gelungener Film, der wegen seiner Heilen Welt-Stimmung aus heutiger Sicht ein etwas naives Produkt geworden ist. Aber Cineasten, die auch gerne einmal auf solch leichte Kost zurückgreifen, kann ich ganz klar eine Empfehlung aussprechen.


OFDb

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