Samstag, 14. März 2015

SIEBEN TAGE FRIST (1969 Alfred Vohrer)


Einige Tage nach einer Auseinandersetzung mit seinem Lehrer wird auf einem Internat der Schüler Kurrat vermisst. Als auch noch dessen Vater verschollen ist stößt die Polizei dazu. Kurz darauf wird eine Leiche gefunden. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen der beiden Kurrats, sondern um einen Lehrer, der für sein vertrautes Verhältnis mit dem vermissten Jungen bekannt war...


Auf einem Baum ein Kuckuck saß...

Alfred Vohrers damaliger Kino-Hit „Sieben Tage Frist“, der einen aufgrund seines Vergessens heutiger Tage noch einmal bewusst macht wie schnelllebig sich der Bereich des Kinos entwickelt hat, beginnt absichtlich für seine Zeit Genre-typisch sleazy, täuscht damit aber eine Verwandtschaft zu Wallace und Co vor die er nicht besitzt, ist er diesen zugegebener Maßen sympathischen Filmen doch intelektuell überlegen. „Sieben Tage Frist“ ist anspruchsvolles Kino wie es heutzutage keinen Platz mehr in den Lichtspielhäusern für die Masse finden würde, intelligent erzählt, vollgespickt mit versteckten Verweisen auf die Auflösung in Form von Symbolik und Dialog, und dies selbst dann noch wenn der Film zu Ende erzählt ist und die letzte Szene mit einem berühmten Kinderlied untermalt wird.

Vohrer schließt den Zuschauer absichtlich von den wichtigsten Momenten aus, die das Geheimnis, welches den Schluss ausmacht, zu früh verraten würden. Er spielt also absichtlich unfair, wirft uns nur die großen Teile des Geschehens vor und nicht die kleinen wichtigen, und genau damit wird die Neugierde des Zuschauers geweckt, der nicht weiß ob alle Geschehnisse im Zusammenhang stehen und welche Szene einen Hinweis liefert und welche nicht. Mörderraten jenseits Agatha Christies Flair ist angesagt, und die Auflösung darf einen dann auch vom Hocker hauen, ist sie doch nicht nur gut erklärt und konsequent zu nennen, sondern auch mit einem düsteren Geheimnis versehen das keinen kalt lassen wird.

Dank interessanter Charaktere, die wirklich alle bis zur Charakterstudie ausgeleuchtet werden, und ungewöhnlicher wie Alltags-naher Situationen und aufgrund der psychologischen Art mit welcher mit dem Zuschauer gespielt wird lebt „Sieben Tage Frist“ nicht einzig von seiner Auflösung. Dieser Mix aus Drama und Kriminalfilm ist einer dieser Filme die man in kurzer Zeit mehrmals gucken kann, und die einen immer wieder aufs neue begeistern. Zumal er für seine Zeit recht mutig ein düsteres Gesellschaftsbild einer Zweiklassengesellschaft zeigt, Diskussionsstoff zum Thema Pädagogik bietet, immer wieder mit homosexuellen Untertönen arbeitet und allgemein von Täuschung, Unterdrückung, Trieben und Reibereien unter verschiedenen Mentalitäten handelt, Letztgenanntes sogar in der Art und Weise verarbeitet wie Horst Tappert den Kommissar verkörpert.

„Sieben Tage Frist“ ist vielschichtiger als es zunächst den Eindruck macht, und in den erwachsenen Rollen von talentierten Mimen gespielt, sowie in den jugendlichen Rollen passend besetzt (hier sticht lediglich der Schauspieler des jungen Kurrat als wahrlich talentiert hervor). Der Film weiß sowohl zu unterhalten, als auch intelektuell die Sinne zu kitzeln. Er ist ein mutiges unverfälschtes Zeitzeugnis, das uns mit heutigem Blick den Spiegel vorhält und uns zeigt wie stark Deutschland in Sachen Bildung, Stil und Kultur mittlerweile abgebaut hat - nicht nur in Bezug auf Kino. Aber auch dass bereits damals nicht alles so gut war wie es andere Filme dieser Zeit dem Publikum immer weiß machen wollten. Trotz seiner düsteren Entgleisungen ist Vohrers Werk niemals reißerisch oder unrealistisch. Ganz im Gegenteil schwankt der Film von seiner Inszenierung her immer zwischen nüchternen, bodenständigen Fakten und Genre-typischen Mechanismen zur Spannungsförderung. Ein großartiger Mix!


Weitere Reviews zum Film: 

Kommentare:

  1. Ich muß den noch mal schauen, hab mir ja neulich auch die DVD gekauft. Damals fand ich den gerade [SPOILER] wegen noch so einer Altnazienthüllung etwas platt. Vielleicht kommt es aber auch von der thematischen Konzentration. Wir Wunderkinder und Rosen für den Staatsanwalt kamen ja auch nicht am selben Tag ins Kino.Ich habe zu der Zeit aber viele deutsche Filme der 50er&60er gesehen. [/SPOILER] Während das Thema sicherlich für die damalige Jugend noch zeitaktuell war, muß ich gestehen, daß ich so viele Feinheiten für eine Wiedersichtung gar nicht erkannt habe. Vielleicht war es der zuvor erwähnte Umstand, der mich auch den richtigen Verdacht relativ schnell aussprechen ließ, wobei ich Sieben Tage Frist grundsätzlich schon auch unterhaltsam fand und irgendwo zusammen mit Perrak auch ein deutsches Statement bzw. Statement über Deutschland. Man merkt aber imho schon, daß Vohrer damals sehr viel gearbeitet hat.

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    1. Die Auflösung wäre meiner Meinung nach nur dann platt, wenn besagte Enthüllung bei einem bösartig gezeichneten Menschen stattgefunden hätte um jegliches Klischee und Vorurteil zu erfüllen. Aber jemand der von Kollegen geachtet wird, u.a. gerade wegen seiner Menschenführung, damit hebt man sich schon vom Massendenken ab und liefert stattdessen einen Denkanstoß - so wie es der Rest des Films ohnehin tut. Guck ihn Dir unbedingt noch einmal an. Ist ein echter Geheim-Tipp! :)

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    2. Ja stimmt. Das ist schon etwas böse. Der Film steht auch bei weitem nicht niedrig in meiner Gunst, weil Vohrer für sich schon ein Guter ist. Jedenfalls hat er insgesamt eine hohe Trefferquote bei mir, was natürlich auch u.a. seiner Arbeit an den größten deutschen Erfolgsreihen seiner Zeit geschuldet ist. Ich habe Sieben Tage Frist jedoch afair nicht kanonisiert*. Das ist eher der Punkt.

      * Mein Affen-Kanon hat eine Schwelle von 7,5 Punkten mit Tendenz zur Aufrundung, was in der OFDb/IMDb 8 Punkten oder mehr entspricht.

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