Sonntag, 10. Mai 2015

EIN TOLPATSCH KOMMT SELTEN ALLEIN (La Chèvre 1981 Francis Veber)


Als seine zu Unfällen neigende Tochter während eines Urlaubs spurlos in Mexiko verschwindet, lässt sich der Chef einer Firma auf ein Experiment ein. Er engagiert den ebenfalls zu Unfällen neigenden Perrin in Begleitung des in diesem Fall bislang erfolglosen Detektivs Campana um seine Tochter zu finden, in der Hoffnung dass dessen Pechsträhne die Ermittler auf die Spur der Gesuchten führt. Perrin lebt in dem Glauben die Ermittlung zu leiten. Der Unglücksrabe ahnt nichts von seiner tatsächlichen Funktion...


Dem Pech mit Pech auf der Spur...

Pierre Richard! Ich finde es immer schade dass er im Schatten der Prominenz von Louis de Funès gerne unter geht, dabei ist er ein solch talentierter Komiker und Mime und Filme wie „Das Spielzeug“ und „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ großartige Komödien mit tiefgründigem Klamauk, die man gesehen haben sollte. An der Seite von Gérard Depardieu wirkt er aufgrund des Kontrasts noch stärker. Das zeigt nicht nur der höchst amüsante „Zwei irre Typen auf der Flucht“, sondern auch der hier besprochene „Ein Tolpatsch kommt selten allein“, den die meisten eher unter dem Titel „Der Hornochse und sein Zugpferd“ kennen und der einer wahrlich göttlichen Idee für das Genre der Komödie nachgeht.

Ein Tolpatsch wird in die Ermittlungen einer Vermisstensuche eingespannt, weil die Gesuchte selbst ein Tolpatsch ist, in der Hoffnung dass seine Missgeschicke den für den Fall verantwortlichen Detektiv auf die Fährte des gesuchten Unglücksraben führen. Dieser Detektiv ist knallharter Realist und hält überhaupt nichts von der fixen Idee seines Auftraggebers. Und seine Laune wird nicht gerade besser durch den Umstand, dass der Pechvogel im Glauben gelassen wird er würde die Mission leiten anstatt der Detektiv.

Da kommt einiges zusammen: talentierte Mimen in ihren Paraderollen, eine Grundidee, die man wohl als Selbstläufer betrachten darf, ein überraschend zurückhaltender, harmonischer Soundtrack von Vladimir Cosma, eine exotische Kulisse und ein Drehbuch, das sich trotz der chaotischen Grundlage nicht komplett in Albernheiten stürzt, sondern mit den Charakteren und der Situation stets mit Respekt umgeht. „Der Pechvogel“ (Alternativtitel) soll eine Geschichte erzählen anstatt zur Zotenparade zu verkommen, und so sehr sich der Film auch eher von Episode zu Episode hangelt anstatt wie ein Ganzes zu wirken, ein roter Faden ist dennoch vorhanden.

„La Chèvre“ (Originaltitel) lebt davon die Komik hauptsächlich aus den Charakteren zu ziehen anstatt aus den unglücklichen Situationen in die sie hinein geraten. Aus der Perspektive von Depardieus Rolle betrachtet dürfen wir fassungslos dabei zusehen, dass Perrin scheinbar tatsächlich ein Pechvogel ist, den das Glück für immer verlassen zu haben scheint. Diese Tatsache ist ein Unding für den Realisten Campana, der an Glück und Pech nicht glauben will, sich in seinen schwachen Momenten aber trotzdem auf die Idee einlässt. Da wird auch mal absichtlich das Pech Perrins herausgefordert oder im kurzen Glauben an den Sinn des Experiments sich auf dessen Instinkt eingelassen, und während Campana sich mit dem Akzeptieren der Realität schwer tut bemerkt er wie seine eigene Unglückswelle zu wachsen beginnt, während Perrin sich zum ersten Mal in seinem Leben aufgrund der ihm aufgetragenen Verantwortung großartig fühlt.

Er bleibt trotzdem ein Pechvogel, und Depardieus Rolle wird nicht gegen die von Pierre Richard ausgetauscht. Das Ziel ist also keineswegs so angelegt wie das aus „Was ist mit Bob?“. Aber Tendenzen in diese Richtung sind zu beobachten, denen Regisseur Francis Veber, der für alle drei Filme mit dem Duo Depardieu und Richard verantwortlich war, glücklicher Weise jedoch nicht in letzter Konsequenz nachgibt. Das wäre auch unschön, wäre es doch allein schon um das urkomische Schlussbild des Streifens schade, wenn man hier einen falschen Weg eingeschlagen hätte.

„Ein Tolpatsch kommt selten allein“ ist das Reinschalten wert. Man wird wirklich köstlich unterhalten. Allerdings sollte man zu der fürs Fernsehen damals neu entstandenen Alternativvertonung zurückgreifen, die auf der von Concord herausgebrachten DVD ebenfalls vorhanden ist, wenn man den Film auf deutsch sehen möchte. Die ist inhaltlich sinnvoller ausgefallen, wohingegen die deutschsprachige Kinofassung allerhand Albernheiten und Sinnlosigkeiten als Humor-Doping beinhaltet, welche die von Natur aus humorvolle Geschichte überhaupt nicht nötig hat. Wo diverse Bud Spencer-Filme von den herrlich schrägen Synchronfassungen Deutschlands profitieren, sollte man sich bei „Der Hornochse und sein Zugpferd“ doch lieber auf das verlassen, was tatsächlich von Francis Veber gewollt war. Jemandem der den tiefgründigen „Das Spielzeug“ inszeniert hat (mein persönlich liebster Pierre Richard) kann man da ruhig vertrauen.


Weitere Reviews zum Film: 


Kommentare:

  1. Ui, das ging aber schnell ;) Es freut mich, dass Du dem Film bei der Neusichtung mehr abgewinnen konntest. Gut und richtig ist Dein Hinweis auf die beiden Synchronfassungen. Ich bin völlig Deiner Meinung. Die neuere TV-Synchronisation ist nicht nur viel näher am französischen Original, sondern passt auch viel besser zum Humor von Pierre Richard.

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  2. Ich habe den Film dummer Weise mit der Kinosynchro begonnen, die mir schon die ganze Zeit so dämlich vorkam. Aber als der Techniker nach jener Szene, in welcher Richard gegen die selbstöffnende Tür rannte, darüber jammerte dass die Tür das Opfer sei, habe ich mal geschaut was er in der anderen Synchro sagt. Und da redet er darüber dass er noch nie erlebt hätte, dass so eine mechanische Tür nicht reagiert. Das machte schon wesentlich mehr Sinn. Gut dass ich noch relativ früh genug umgeschaltet habe. Wer weiß wie der Film sonst auf mich gewirkt hätte. *g

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