Montag, 25. Juli 2016

BLUT AN DEN LIPPEN (Les lèvres rouges 1971 Harry Kümel)


Ein jung vermähltes Paar steigt in einem feinen Hotel in Belgien ab und begegnet dort den einzig weiteren Gästen außerhalb der Saison, Gräfin Bathory und ihre rechte Hand Ilona. Auf geschickte Art drängt sich die Gräfin in die Gesellschaft der beiden und bringt sie tückisch auseinander, ist sie als Vampir doch auf der Suche nach einer neuen Lebensgefährtin...


Vom Unterdrücken und Unterdrücktwerden...

Der Vampirismus ist je nach Blickwinkel Fluch und Segen zugleich, oftmals symbolisch auch in sexuellen Sinne. So könnte man „Blut an den Lippen“ trotz all seiner Freizügigkeit doch als Metapher gegen sexuelle Abnormitäten verstehen, gerät doch eine heterosexuelle Frau zwischen die Fronten von einem sadistisch veranlagten Mann und einer homosexuellen Frau, die dem armen Ding, dominant wie sie beide veranlagt sind, ihre Sexualität aufzwängen wollen. Deutet man den finalen Unfall nicht als Versehen, sondern als gut getarnte Ausflucht, so war die einzige Chance der devoten Rolle zu entkommen selbst ein dominanter Charakter zu werden, die Verzweiflungstat einer Frau die traditionelle Sexualiät nie kennen lernen durfte.

Man kann den subtilen Streifen, der meist nur mit Vampirsymbolik arbeitet, auch so betrachten, dass die andersartige Sexualität als Rettung aus dem moralisch vorgeschriebenem Beischlaf zu verstehen ist, innerhalb einer Beziehung in welcher sich traditionell gesehen die Frau dem Mann unterzuordnen hat. Aber wie auch immer man den meist angedeuteten Film deutet, in dem mehr nicht passiert als dass etwas passiert, so oder so handelt er von der Manipulation des Vampirs, der einen festen Plan verfolgt und die sich frei und selbstständig fühlenden Menschen dafür wie Marionetten benutzt. Es bleibt Deutungssache welche Taten des Pärchens oder auch der rechten Hand der Gräfin aus freien Stücken passieren und wann diese bereits fremdgelenkt sind.

„Solo für einen Vampir“ (Alternativtitel) ist sehr langsam inszeniert, in wunderschöne Bilder getaucht und weiß genau was er erzählen will. Er mag somit ein kleines Kunstwerk sein, welches zu Recht hohe Beachtung verdient, das entschuldigt jedoch nicht die zu lang gezogene erste Hälfte, die es zwar vortrefflich schafft Stimmung zu erzeugen, ein Gefühl für die grundlegende Situation zu vermitteln und mit scheinbaren Wichtigkeiten, die zu Nebensächlichkeiten verkommen, abzulenken, damit man erst spät merkt dass es die scheinbaren unbedeutenden Dinge des Films sind, die zu Wichtigkeiten werden. Ich verstehe also durchaus was Harry Kümel möchte und dass ihm nicht einzig an einem ollen Unterhaltungsfilm gelegen ist. Ich finde es jedoch nicht sehr aufregend wie Kümel vorgegangen ist und hätte mir zur Auflockerung tatsächlich einen sleazy Touch gewünscht, der „Les lèvres rouge“ (Originaltitel) zu einer Art Schundkunst anstatt zu Kunst macht. Trotz aller Faszination, die der Streifen auch in mir auslöst, fehlt mir etwas, etwas dass ich nicht beschreiben kann. Einfach ein Etwas welches die dennoch gefühlte Leere hätte ausfüllen müssen, welche der mir zu langgestreckte Film eindeutig besitzt.

Theoretisch bewundere ich dieses außergewöhnliche, mit Liebe für Feinheiten inszenierte Stück Film, praktisch wollte er sich mir emotional aber nicht erschließen. Er ließ mich außen vor, so dass ich zwar immer zu einem guten Teil erkannte was passiert, geglaubt werden soll und versteckt erzählt ist, „Daughters of Darkness“ (Alternativtitel) zog mich jedoch nicht in seinen Bann. Ich saß vor dem Bildschirm in einem Mix aus Bewunderung und Gleichgültigkeit und hätte mir gewünscht, dass dieses kultisch verehrte Werk auch mich ergriffen hätte. Aber seine Umsetzung war mir zu nüchterner Natur. Und einen gewissen Grad Unterhaltungswert benötige ich in jedem Film den ich liebe. „Blut auf den Lippen“ (Alternativtitel) liebe ich nicht. Ich mag und schätze ihn großteils nur theoretisch und intellektuell.


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