Samstag, 3. Juni 2017

WICKED CITY (Yôjû toshi 1987 Yoshiaki Kawajiri)


Ein Friedensvertrag zwischen den Menschen und den Dämonen einer parallelen Dimension muss erneuert werden. Hierfür wird die Hilfe des Mediums Giuseppi Mayart benötigt. Da diverse Elemente der Dämonenseite den Pakt mit der schwächeren Gattung Mensch verhindern wollen, werden Attacken auf Guiseppe vermutet, weswegen Taki von den Menschen und Makie von den Dämonen ihm als Personenschutz zur Seite gestellt werden...


Ein greiser Lustmolch als Beschleunigungstrick...

„Wicked City“ ist nicht sonderlich geistreich erzählt. Nun muss nicht jeder Anime die intellektuelle Dichte eines „Paprika“ oder „Ghost in the Shell“ besitzen, aber eine Spur durchdachter hätte das Werk von Yoshiaki Kawajiri, welches fünf Jahre später in Hongkong eine Realverfilmung erfuhr, ruhig dennoch ausfallen können, badet es für meinen Geschmack doch etwas zu sehr im reißerischen Sexbereich, der stets darum bemüht ist Tabus zu brechen, während er gleichzeitig halbwegs zahm eingefangen wurde, um nicht zum Anime-Porno zu verkommen. Durch ausgeblendete, aber überdeutliche Oralsexszenen und optisch nicht versteckter bezahnter Vaginas ist er an diesem Schmuddelbereich trotzdem näher orientiert als es mir lieb wäre. Warum man nicht gleich den kompletten Schritt Richtung Hentai-Porno gegangen ist, will sich mir nicht erschließen, so notgeil wie „Supernatural Beast City“ (Alternativtitel) daher kommt.

Fairer Weise muss man aber hinzufügen, dass es Kawajiri nicht einzig auf den Sex abgesehen hat. Jegliches Reißerische Element ist ihm lieb, um mit Schauwerten um sich zu schmeißen. Da werden Handkantenkämpfe ausgeführt, selbst wenn die damals noch recht schlicht ausgefallene Animation hierfür nicht das nötige Tempo besitzen kann, da werden Verfolgungsjagden gezeigt, wilde Monstermutationen zelebriert, da wird geballert bis der Arzt kommt und jegliches harte Kerl-Klischee eines Actionfilmes findet ebenfalls seinen Platz. Zudem ist man bemüht um reißerische, überraschende Wendungen im Plot. Und selbst wenn es romantisch wird, wird besagter Bereich derart dick aufgetragen, dass man den dort entstehenden Kitsch ebenfalls als eine Form des reißerischen Kinos betrachten kann. Subtil sieht anders aus.

„Wicked City“ ist ein Film für große Kinder, egal ob wortwörtlich gemeint oder im erwachsenen Körper feststeckend. Und als solcher funktioniert er noch recht passabel, meiner Meinung nach am besten immer dann, wenn es wieder irgendwelche herrlich abartigen Mutationsszenen zu entdecken gibt (die freilich alle leider nicht das Niveau des herrlich glibbrigen Finales von „Akira“ erreichen, der aber erst ein Jahr später die Animewelt für immer verändern sollte). Ob ein Sexualpartner plötzlich spinnenartige lange Beine bekommt, sich bezahnte Vaginas fast über den kompletten Körper eines weiblichen Dämons ausbreiten oder Körperteile aus hungrigen Dämonenmündern wachsen, die Animatoren toben sich munter aus und erreichen damit inmitten recht schlicht gehaltener Animationen sehenswerte Hingucker.

Ohnehin ist man trotz des noch recht billigen 80er Jahre-Animationsniveaus darum bemüht die Optik eines echten Spielfilmes einzufangen, was teilweise atmosphärisch anmutet. Das funktioniert bei den Außenaufnahmen fahrender Autos, oder auch wenn Figuren zur Steigerung der Erwartungshaltung aus dem Dunkeln ins Licht treten, an mancher Stelle, wie bereits beklagter Handkantensequenzen, funktioniert es wiederum weniger. An sich gibt es in diesem prä-“Akira“-Werk am Zeichentrickstil jedoch nichts wirklich zu meckern. Dass „Wicked City“ eine Kinoproduktion ist, sieht man ihm zumindest an. Das schlichte Animationsniveau von Videoveröffentlichungen wie „Twilight of the Dark Master“ lässt er locker hinter sich zurück.

Das Drehbuch hätte allerdings eine Spur besser ausfallen müssen. Nicht nur dass sich der Nutzen des Personenschutzes für den Zuschauer nicht erschließen will, wenn beide Helden der Geschichte stets leicht auszuknocken sind, auch die Wendungen im letzten Drittel, die gerne irre geistreich ausgefallen wären, ergeben in Hinsicht auf die Erlebnisse der ersten Stunde keinen Sinn. Würde man sich dennoch auf diese Idee einlassen, würde das bedeuten, dass alles Vorherige eingeplant und inszeniert war und damit zahmer und ungefährlicher war als gedacht, was den reißerischen Erzählstil ad absurdum führt. So oder so will da was nicht zusammen passen.

Meist aufgrund pornografischer Übertreibungen und harter Klischeecharaktere kann man sich aber ohnehin nicht wirklich in das Treiben der Figuren, oder gar in deren Seelenleben, einfühlen. „Yôjû toshi“ (Originaltitel) bleibt zu theoretisch, beispielsweise dann wenn Taki Makie erretten will, da diese in einem ungewollten Gangbang festsitzt, der eine Art Dämonenstrafe sein soll. Auch das Fehlen möglicher Gesetzmäßigkeiten der übernatürlichen Kräfte erschwert einem den Zugang zu den Erlebnissen. Sie werden lediglich willkürlich eingesetzt, und die Existenz eines spirituell sicheren Hospitals hat man beispielsweise als Zuschauer als Fakt einfach so anzunehmen, in einer Selbstverständlichkeit präsentiert, die nur Sinn ergeben würde, wenn der Zuschauer zuvor in die wundersame Welt von „Wicked City“ eingeführt worden wäre. Und worin nach der überraschenden, leicht faschistischen, Adam und Eva-Auflösung die übernatürliche Kraft Takis liegen soll, bleibt ebenfalls ein Rätsel für das Publikum. Der einseitige Blick der Storyverantwortlichen begnügt sich mit den menschlichen Seiten der Dämonin, so als müsse sich nur die eine Seite verändern, um zu einer besseren Gemeinschaft werden zu können.

Philosophisch gesehen steckt man also ebenso im geistlosen Proletenkino fest wie in jeglichem anderen reißerischen Gebiet von „Wicked City“. Als geistloser Zwischendurchverzehr geht der Film jedoch in Ordnung, eben weil die meist unter einer Stunde laufenden Schnellproduktionen für den Videomarkt schlichter ausgefallen sind als dieser, und er somit das bessere Zwischendurchfutter zwischen den besseren Produktionen darstellt. Für ein wahrlich unterhaltsames Vergnügen ist mir der Streifen jedoch wiederum zu dümmlich ausgefallen. Und die Figur des Lustgreises Giuseppi ist in seiner nervigen Art zu dominant eingefangen, als dass ich diese höflichst ignorieren könnte.


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