WILLKOMMEN IM TOLLHAUS (Welcome to the Dollhouse 1995 Todd Solondz)


Mit ihrer hässlichen Brille und den fröhlichen Kleidchen die sie trägt, ist die Siebtklässlerin Dawn die ideale von allen verspottete Außenseiterin. Auch zu Hause wird sie mit ihrer bockigen Art als Sonderling behandelt. Ihr größter Schultyrann Brandon beginnt versteckt in seiner ruppigen, kriminellen Art Interesse an dem unbeholfenen Mädchen zu entwickeln, Dawn ist jedoch in den älteren Steve verliebt, der in der Band ihres großen Bruders den Leadsänger macht...


Das Leben ist hart...

Ein wenig erinnerte mich der harte Umgang mit der bemittleidenswerten, jungen Dawn an die Peanuts, wenn Autor Charles M. Schulz in seinen Comics trotz aller Sympathie zu Charlie Brown diesem nur Unglück und Pein wiederfahren lässt. Brown reflektierte sein Verhalten aber zumindest, wohingegen Dawn im hier besprochenen Film kognitiv eher schlicht gestrickt ist, meist mit Bockigkeit, Trotzigkeit und Rache auf ihr Elend reagiert, und viele unglückliche Momente mit ihrer unbeholfenen Art auch unbewusst selbst verursacht. Sie ist der typische Mobbingopfer-Kandidat, und ein klein wenig kann man die Mobber verstehen, auch wenn man als Zuschauer alles aus der Perspektive der gedemütigten Teenagerin erlebt.

Regisseur und Autor Todd Solondz hat mit seinem „Willkommen im Tollhaus“ ein wundervolles Stück Charakterkino kreiert, lebt der kleine Auszug aus dem Leben Dawns, der am Ende eigentlich keinen wirklichen Schluss präsentiert und erst recht kein Happy End, doch von den vielen Figuren, denen der gute Mann trotz aller schwarzhumorigen und tragikomischen Elemente stets sensibel und psychologisch fein beobachtend begegnet, so dass selbst aus manchem Stereotyp ein atmendes, echtes Wesen wird, das wir zu verstehen lernen. Irgendwo zwischen authentischem Blick auf das Leben in Amerika und übertriebener Satire pendelnd dürfen wir einen Blick auf die Welt einer jungen, überforderten Teenagerin werfen, der man nur all zu gern helfen würde. Irgendwann wird es besser, möchte man ihr zurufen, ihr am liebsten Tipps geben um nicht zu naiv in offensichtliche soziologische Fallen zu tappen. Und doch spielt auch eine kleine Spur Schadenfreude mit, wenn sie es wieder einmal geschafft hat sich vor den anderen zu blamieren.

Derartige Gefühle lassen „Wellcome to the Dollhouse“ (Originaltitel) zu einem ehrlichen Werk werden, welches uns nicht nur die vielschichtigen Einflüsse eines Teenagerlebens aufzeigt, sondern auch die vielschichtigen Gefühle im Zuschauer, die widersprüchlich wirken, idealistisch keineswegs immer vorbildlich sind, aber dennoch in ein und der selben Seele ticken. „Willkommen im Tollhaus“ ist weder auf Moral in seiner Geschichte oder beim Zuschauer aus, noch propagiert er irgend etwas anderes. Er zeigt in seinen Überspitzungen wie es wirklich sein kann, und lässt Mitgefühl und Schadenfreude ebenso nebeneinander entstehen, so wie sich Komik und Tragik innerhalb der Erzählung vermischen.

Das Ergebnis ist ein wundervoller, sich echt anfühlender Film in hervorragender Besetzung und für ein Publikum gedreht, welches auf die leisen Töne einer Geschichte achten kann und nicht hilfreich mit offensichtlichen Geschehnissen an die Hand genommen werden muss. „Willkommen im Tollhaus“ ist unverlogenes, mündiges Kino, so wunderschön erzählt, dass man am liebsten noch eine weitere Stunde dran geblieben wäre um den mehr oder weniger liebgewonnenen Charakteren noch ein Weilchen bei ihren Kabbeleien und durch Egoismus unbeabsichtigten Schandtaten zuzusehen. Die Geschichte sättigt keinerlei Erwartungen des Mainstream-Kinos, geht stets konsequent mit seinen Figuren und Situationen um und mündet keineswegs in klassische Erzählformgesetze, so dass man eigentlich nie vorhersehen kann, was Dawn tatsächlich als nächstes passiert. Vielleicht ist der Streifen kein wirklich innovatives Stück Sozialstudie, aber eine sehr sensibel, ehrlich und pointensicher erzählte Achterbahnfahrt der Gefühle mit einem Mädchen im Vordergrund, das den gängigen Hauptfiguren typischer Filme so gar nicht entspricht.


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