2018/06/30

PERFECT BLUE (1997 Satoshi Kon)


Die junge Popsängerin Mima wechselt ins Schauspielfach, was ihr in Fan-Kreisen harte Kritik einbringt. Ganz besonders beunruhigt sie eine Website, in der ein Fan sich als sie ausgibt und mehr über die private Mima weiß, als ihr geheuer ist. Dort wird berichtet die junge Frau aus den Medien sei eine Doppelgängerin und die wahre Mima wolle Popstar bleiben. Als im Umfeld des Seriendrehs an dem sie beteiligt ist Morde geschehen, beginnt Mima mit der Zeit an ihrer eigenen Psyche zu zweifeln. Ist sie nicht die wahre Mima? Oder hat sie gar zwei Persönlichkeiten? Oder gibt es einen durchgeknallten Fan, wie den ominösen Wachschutz, der sie zu verfolgen scheint? Die Parallelen zwischen Filmdreh und Realität werden immer beängstigender...


Einbildungen hinter Glas...

"Perfect Blue" ist ein waschechter Thriller. Er mag zwar im Gewand eines Zeichentrickfilmes daher kommen, aber der Zuschauer sollte sich von diesem verspielten, bunten Umfeld, welches oft familiengerechte Stoffe hervorbringt, nicht täuschen lassen. "Perfect Blue" als Realfilm gedreht wäre noch immer ein interessant anzusehender Thriller (2002 wurde anbei tatsächlich eine real gedrehte Neuverfilmung auf die Beine gestellt), der Zeichentrick-Look verhilft ihm jedoch zu Möglichkeiten, die ein Realfilm nicht zwingend ohne weiteres erfüllen könnte. So hilft das Zeichentrickumfeld zum Beispiel ungemein bei der Charakterisierung der zentralen Figur, die in typischer Kitschästhetik des Animes gekleidet ist und auch charakterlich dementsprechend angelegt ist. Allein die japanische Synchronstimme der Heldin unterstreicht wie wichtig das extreme Girlie-Getue für die Wirkung des Filmes ist, eine Verkitschung die in dieser Übertreibung bei einer real gespielten Version nicht funktioniert hätte ohne lächerlich zu wirken.

Der harte, atmosphärische Soundtrack kleidet den zuvor fröhlich in der Popkultur spielenden Film in jenen düsteren Ton den er auch inhaltlich verkörpert. Im Vordergrund spielen fröhliche Popsongs, aber die Hintergrundmusik unterstreicht das Thriller-Flair. Ohne Scheu vor Gewalttaten und Nacktheit, aber mit der nötigen Distanz diese nicht rein zum Selbstzweck zu zelebrieren, erwartet den Zuschauer ein erwachsenes Werk, was sich nicht nur in den schmuddeligen Zutaten spiegelt, sondern auch im durchdachten Plot, den ein Erwachsener mit Lebenserfahrung weit mehr verstehen kann als ein altkluger Jugendlicher, dem jedoch ebenfalls genügend Zugang zum Stoff beschert wird, um sich ebenfalls auf die harte Art unterhalten zu lassen.

Der Kniff des Streifens liegt in der Verwirrung seines Stoffes. Oft ist man als Zuschauer orientierungslos, ob das Gezeigte gerade in der Einbildung, der Realität oder in einer gerade gedrehten Filmszene stattfindet. Aus Mimas geistiger Verwirrung wird ebenso wenig ein Geheimnis gemacht wie aus jener des fanatischen Mima-Anhängers, der mit der Zeit den Spitznamen Me Mania erhält. Ist eine dieser geistigen Entrückungen derart stark ausgeprägt um besagte Bluttaten zu begehen? Gibt es noch einen dritten Verdächtigen? Trotz eines offensichtlichen Umgangs mit besagten Psychen und der filmischen wie außerfilmischen Thematik rund um Persönlichkeitsstörungen weiß die Auflösung zu überraschen, und dies obwohl sie besagter Thematik treu bleibt. Dank ihr weiß ein zuvor neugierig machender und spannend umgesetzter Thriller gekonnt zu schließen, ohne Lücken in der Logik zurück zu lassen oder auf anderem Wege zu enttäuschen.

"Perfect Blue" mag sich heute optisch nicht mehr so astrein schauen wie zu seiner Entstehungszeit, aber mir gefällt seine Animation nach wie vor, zumal nicht nur der Zeichenstil an sich sympathisch und treffsicher ausgefallen ist, sondern auch manche Symbolik, Überblendung und anderweitige optische Spielerei zu gefallen weiß. Meist sind auch solche Momente durchdacht und dienen zu mehr als zur reinen visuellen Bereicherung. Das braucht mit Blick auf darauf folgende Werke des viel zu früh verstorbenen Satoshi Kon auch gar nicht zu verwundern. Sein "Tokyo Godfathers" war ein visueller Traum und ging mit seinem Schwerpunkt der Tragikomödie in einen völlig anderen Bereich als sein hier besprochener Erfolgsfilm. Und mit dem ebenfalls völlig anders gearteten "Paprika" hat er meiner Meinung nach sein Meisterwerk geschaffen, muss man es doch gesehen haben um zu erkennen wie verwoben und undurchsichtig ein intellektueller, wie poppiger Trickfilm sein kann. "Perfect Blue" erzählt seine Geschichte klarer als dieser, aber auch nur wenn man das Treiben bis zum Schluss schaut. Erst dort angekommen blickt auch der Zuschauer endgültig durch ohne weitere Fragezeichen über den Kopf schweben zu haben - vorausgesetzt man hat die überraschend anspruchsvolle Geschichte konzentriert genug verfolgt.


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