TOKYO GODFATHERS (Tôkyô goddofâzâzu 2003 Satoshi Kon)


Drei Obdachlose finden am Weihnachtsabend ein ausgesetztes Baby und machen es sich zur Aufgabe das Kind zurück zu ihren Eltern zu bringen...


Tanzende Gebäude...

Optisch ist "Tokyo Godfathers" Zeichentrickkunst vom feinsten. Die Farbgebung ist so brillant wie der Zeichenstil selbst, und dank eines äußerst guten Buches steht die Charakterzeichnung der äußerlichen in nichts nach, sind doch gerade die Hauptcharaktere derart tiefgründig herausgearbeitet, wie es im Bereich des Animationsfilmes eine Seltenheit ist, auch mit Blick auf Japan, wo eine derartige Herangehensweise häufiger zu beobachten ist als in Amerika, wo die meisten in Deutschland von einem Massenpublikum konsumierten Zeichentrickfilme herkommen. Das Werk von Satoshi Kon, dem der Co-Regisseur Shôgo Furuya zur Seite stand, verweigert sich jeglichem Vorurteil, das man mit dem Genre des Animes verbindet. Hier gibt es weder Action, noch Science Fiction, Tentakelsex wie im Billig-Hentai-Bereich könnte dem Film nicht ferner liegen, ist er doch eine Tragikomödie frei jedweder Schmuddelzutat - mit Ausnahme von Kitsch, der jedoch glücklicher Weise recht schwach in das menschlich erzählte Geschehen eingestreut wird.

Dennoch ist es u.a. er, der das Ergebnis von "Tokyo Godfathers" ein klein wenig drückt, widerspricht er, wenn er im letzten Drittel überhand nimmt, doch dem bis dahin verfolgten Stil des lebensnahem, leisen Humors, der das gesellschaftskritische Thema stets frei von Spott kommentiert, nie zu feige eingebracht, aber stets verständnisvoll, respektvoll und dezent. Hier schmunzelt man mehr, als dass man laut los lacht, und wenn diese Herangehensweise bis zum Schluss beachtet worden wäre, hätte man eine wahre Genre-Perle präsentieren können, die es unbedingt zu entdecken gilt. Aber leider verstärkt sich Richtung Finale immer mehr der Part der Dramatik, setzt den so gut funktionierenden leisen Humor gar hin und wieder völlig außer Gefecht, und da der Schmalz etwas zu penetrant bedient wird, setzt sich inmitten von Ehrfurcht vor einem bislang hochgradig niveauvollen Film ein Hauch Ernüchterung ein. Das mag etwas arg streng anmuten, immerhin ist der Film auch in seiner schwächeren Phase noch immer interessant genug erzählt, so dass man unbedingt wissen möchte wie die wendungsreiche Geschichte weiter geht, aber die Klasse der vorangegangenen Stunde besitzt das letzte Drittel leider nur noch in einem geringeren Maße.

Das liegt aber auch daran, dass die ansonsten recht lebensnah, wenn auch leicht verschönte, Geschichte ab einem gewissen Punkt in zu vielen Zufällen badet, gen Ende mehr denn je, was ein wenig der bislang eher subtilen Erzählweise des Streifens widerspricht. Ich fand es etwas schade, dass den Figuren im Laufe der Zeit etwas zu viel soziale Rückzugsmöglichkeit freigeräumt wird, so dass unsere Helden nicht zwingend weiterhin auf der Straße verweilen müssen. Eine etwas härtere Gangart das Schicksal der drei Obdachlosen betreffend, hätte der tragikomischen Geschichte mehr Gewicht verleihen können, zumal Japan sich üblicher Weise nicht scheut in Filmen härtere Themen offen anzusprechen. Diesmal wird der Zuschauer jedoch in Watte gepackt, so wie es auch ein plumperer Disney-Film getan hätte. Vielleicht erwartet man dies selbst in Japan, wenn es um ein Weihnachtsmärchen geht, ich weiß es nicht. Der Vergleich zu Disney ist freilich dennoch zu hart zu nennen, dafür ist "Tokyo Godfathers" wiederum zu bodenständig, sensibel und realitätsnah erzählt, und der ätzende moralische Zeigefinger amerikanischer Werke fehlt einem Film wie dem hier besprochenen glücklicherweise immer.

Was angenehm humoristisch begann, mündet in zu vielen Zufällen und wird eine Spur zu dramatisch ausgearbeitet. Dank des hervorragenden Zeichenstils, der Stärke der Geschichte und ihrer überraschenden Wendungen, und eben weil man die Figuren sehr schnell ins Herz schließt, würde man trotz des Schwächelns des letzten Drittels nie zu hart mit dem liebevollen, sympathischen Werk ins Gericht gehen. "Tokyo Godfathers" ist ein Ausnahmefilm des Genres seines Herkunftlandes und mit europäischen Augen vielleicht auch das am ehesten verdauliche für Trickfilm-Fans mit Ami-Sehgewohnheiten. Letztendlich ist Kons Werk jedoch ohnehin einem breiteren Publikum zu empfehlen, eben weil er eine starke Geschichte künstlerisch wertvoll verpackt, und da werden sich eben nicht nur Anime-, bzw. Zeichentrickfilm-Fans drüber freuen, sondern vielseitig interessierte Cineasten im allgemeinen.


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