DIE NACHT DER ENTSCHEIDUNG (Miracle Mile 1988 Steve De Jarnatt)


Am frühen Morgen fängt Harry zufällig an einer Telefonzelle eines Diners die Information auf, dass Amerika in 50 Minuten Atomraketen Richtung Osten abfeuern wird und kurz darauf mit dem Gegenschlag rechnet. Nach kurzem hin und her bekommt er die Leute im Diner von der Wahrheit dieses Erlebnisses überzeugt, nun muss ihm noch seine neue Freundin glauben, die er heute morgen aufgrund eines Stromausfalls versetzt hat, weil der Wecker nicht klingelte und die dementsprechend nicht gut auf ihn zu sprechen ist. Das Zeitfenster für eine Flucht raus aus L.A. ist gering bevor die große Panik ausbricht - und die zu Rettende schläft...


Abschied bei den Mammuts...

Das ist schon ein schwer zu verarbeitender, aber auch reißerischer Paukenschlag mit welchem "Cherry 2000"-Regisseur Steve De Jarnatt seine Geschichte beginnen lässt. 10 Jahre musste er damit bei diversen Filmstudios hausieren gehen, die zwar spätestens mit dem Erfolg von "The Day After" Interesse an dem Stoff bekundeten, es aber harmloser als geschehen umsetzen wollten. Aber De Jarnatt wollte nicht nur den Aufhänger, sondern auch den bitteren Schluss unbedingt integrieren, beides Eigenschaften die sich bei meiner Sichtung als Teenager bis heute in meine Erinnerung eingebrannt hatten, wohingegen der Rest mit der Zeit verschwand, von daher kann er so unrecht nicht gehabt haben. Damals war ich beeindruckt, heute wollte ich wissen wie es mit verändertem Filmgeschmack um "Miracle Mile" (Originaltitel) steht, und ich muss sagen der Stoff hat mich wahrlich mitgerissen.

Dabei ist es hauptsächlich die flotte Inszenierung einer Geschichte um Leute in Panik, die dem Film seine Dynamik beschert. Glaubwürdig finde ich den Aufhänger nicht wirklich, dementsprechend bin ich auch nicht überzeugt von der Reaktion der im Diner speisenden Gäste, die viel zu schnell glauben was ihnen Harry erzählt. Allerdings ist "Die Nacht der Entscheidung" in diesem Moment auf seinem ersten Erzählhoch, wenn es um die ersten Reaktionen der Gäste geht bis zu dem Zeitpunkt, in dem man merkt dass Harry kein Spinner ist. Viel Zeit zum nachdenken über Sinn und Unsinn hat man ohnehin nicht, ist der Rest doch eine einzige Hetzjagd, fast in Echtzeit gedreht. Verheerend kommt hinzu dass man im Gegensatz zu Harry nicht daran glaubt, dass andere Flüchtende auf dem Dach eines Hochhauses mit einem Hubschrauber auf ihn warten werden. Man tappt da mehr im Hoffnungslosen als er. Aber so oder so, für einen Film der nach dem kalten Krieg spielt überzeugt das Szenario recht gut, und es lässt den charakterlich sympathischen Harry ordentlich Steine in den Weg legen, so schwer wie dieser vorwärts kommt, innerhalb einer Situation die auch bei positivem Ablauf geradezu hoffnungslos geraten wäre.

Inmitten der angenehm hektischen und hochspannenden Hauptphase des Streifens kommt die weibliche Hauptrolle ein wenig zu kurz, im Zentrum steht aber ohnehin der zunächst ahnungslose Harry, der in eine Situation geschuppst wird, in der kaum einer in der Lage wäre einen rationalen Gedanken zu erhaschen. "Die Nacht der Entscheidung - Miracle Mile" (Alternativtitel) ist eine Geschichte der Angst, die sich inmitten von Dauerhektik nur kurze Ausflüge ins Philosophische gönnen kann, die Angst vor einem Atomkrieg aber immerhin ernst nimmt. Der Rest ist Spannungskino pur, das man mit der Unglaubwürdigkeit der Leichtgläubigkeit des Aufhängers verschieden intensiv wahrnehmen kann. Mich hat die rasante und spannungsgeladene Atmosphäre und Inszenierung des Streifens gepackt, eingeladen von meinem naiven Inneren ruhig einmal mit dem Gedanken zu spielen man würde tatsächlich schnell begreifen und akzeptieren, dass der Anruf kein Fake ist. Dann bleibt zwar noch immer die Geschäftsfrau etwas negativ in Erinnerung, die an den Haaren herbeigezogen im Diner bestätigen kann, dass ein Atomkrieg bevorsteht, aber das geht bei solch überraschend intensivem Ergebnis meiner Meinung nach in Ordnung.

In einer professionelleren Umsetzung hätte man eventuell noch mit der Frage spielen können, ob alles doch ein Fake ist und einzig Harry schrittchenweise die Panik entfacht hat, die im Finale auf den Straßen herrscht. Mit einem Zuschauer im Ungewissen hätte das einiges an Zusatzpotential für den Stoff ausmachen können. Aber sieht man einmal was Steve De Jarnatt mit wenig Geld auf die Beine gestellt hat, kann man mit simpleren Ergebnis schon zufrieden sein, zumal die Panik trotz schlichter Verhältnisse chaotisch und angenehm unübersichtlich eingefangen wurde, so als hätte man allerhand Statisten am Start gehabt. De Jarnatt täuscht da recht gut, während er andererseits auf die Hoffnungslosigkeit setzt, die einem geradezu den Atem raubt. Kaum zu glauben, dass so viele Filmproduzenten gerade diesen nicht in den Stoff integriert haben wollten. Einzig bei der Hauptbesetzung ließ De Jarnatt einen Kompromiss zu und besetzte die Hauptrolle weit jünger als im Ur-Drehbuch vorgesehen. Gut, dass der Autor und Regisseurin in diesem Punkt nicht ebenfalls stur war, denn "Top Gun"-Star Anthony Edwards zu besetzen gehört wahrlich zu den Pluspunkten des Streifens. Ohne die Sympathie für ihn als Normalbürger würde eine noch so intensive Umsetzung halbwegs in der Luft verpuffen. Dank ihm stimmt die Grundlage.


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