27.08.2019

GET CARTER (2000 Stephen Kay)


Schuldeneintreiber Carter reist in die Heimat, als er vom Tod seines jüngeren Bruders erfährt. Von Trunkenheit am Steuer ist die Rede, von einem Unfall, aber Carter ist überzeugt, dass der arme Mann Opfer eines Verbrechens wurde und forscht in der zwielichtigen Online-Prostitutions-Szene nach, mit der ihn irgend etwas Rätselhaftes verbunden hat...


Offenbarung auf dem Hochhausdach...

Es ist kaum zu glauben, aber nach seiner großartigen schauspielerischen Leistung in "Cop Land", für die er selbst von Tunnelblick-Kritikern erstmals gelobt wurde, dauerte es drei Jahre, bis Sylvester Stallone wieder in einer Hauptrolle besetzt wurde. Ob es gut war, ihn ausgerechnet in der Neuverfilmung eines 70er Jahre-Klassikers zurückkehren zu lassen, darf angezweifelt werden, waren die Kritiken doch dementsprechend vernichtend. Wenn man sich mit der 00er Jahre Version von "Get Carter" anfreunden möchte, dann ist es sicherlich von Vorteil das Original "Jack rechnet ab" nicht zu kennen. Und selbst dann wird es für viele Filmfreunde schwer der Regiearbeit von Stephen Kay, der später den ersten "Boogeyman" inszenierte, eine echte Chance zu geben, ist sie doch anders ausgefallen, als die meisten vermutet haben, gerade wegen der Besetzung Stallones im Zentrum der Geschehnisse. Von einem klassischen Stallone-Film, egal aus welchem vorherigen Jahrzehnt, ist nicht mehr viel übrig geblieben. "Get Carter" weist weder die Härte der 80er Jahre Actionfilme auf, noch die Ruhe seiner 70er Jahre-Werke, und erst recht nicht die Ironie und reflektiertere Art seiner 90er Jahre-Filme. Einzig das belehrende Weltbild des erfolgreichen Actionstars ist noch vorhanden, die rückblickende Reue, die gut gemeinten Ratschläge, aber das ist immerhin etwas, was einem ein Stück Heimatgefühl eines Stallone-Filmes beschert.

Ein solcher ist "Get Carter" streng genommen ohnehin nicht, auf einem Buch basierend, von wem anders zum Drehbuch neu verfasst und mit wem anders auf dem Regiestuhl sitzend ist Stallone lediglich die Hauptbesetzung. Außerhalb seiner Rolle besaß er kein Mitspracherecht. Und schaut man sich das Ergebnis an, so ist er Teil einer kühl durchkalkulierten Produktion, der es lediglich darum geht sich gut zu verkaufen und in ihrer durchgestylten Art gut auszusehen. Kays Werk ist sowohl inhaltlich wie inszenatorisch oberflächlich ausgefallen, und ein moderner, hektischer Schnitt, soll das Produkt flott und up to date wirken lassen. Gerade der Schnitt ließ mich oft ratlos zurück. Was soll das hektische Ausblenden einer Szene, wenn darauf anknüpfend in selbige wieder angesetzt wird? Was soll das Auffahren des Tempos, indem simple Abläufe, wie ein Spaziergang zum Wagen, ständig per Schnittgewitter beschleunigt werden, so als besäße der Zuschauer keine Geduld? Das ist freilich ein Irrtum, es ist das Endergebnis und die Verantwortlichen des Stoffes, die keine Geduld hatten, und selbiges trifft auf ein Begreifen der schlicht dargebotenen Charaktere zu, denen man keine Nähe beschert, womit der Bezug für den Zuschauer fehlt. Die Motivation irgend einer Figur zu begreifen, wird für diesen so schwer, wie das Empfinden eines Innenlebens für irgendwen zu entdecken.

"Get Carter" soll halt in der damals so futuristisch und kühl technisch wirkenden Welt der digitalen Pornoindustrie und ähnlich neo-kriminellen Umfeldern spielen, so dass der Stil dieses kühle Feeling ebenfalls einfangen soll. Das klingt soweit in Ordnung, grenzt den Zuschauer nur völlig vom eigentlichen Geschehen aus, so sehr sogar, dass er sich eigentlich nur beiläufig für den aufzuklärenden Fall interessiert, an dem ohnehin nur eine handvoll wichtiger Gestalten beteiligt zu sein scheinen. Dementsprechend hüpft Carter stets von einer Figur zur nächsten und wieder zurück, wenn er gerade ein neues Detail der verworrenen Umstände um den Tod seines Bruders aufgedeckt hat, und immer reagieren die aktuell (wieder) angesprochenen Zwielichtigen wie eingeweiht, so als wüssten sie noch vor den Äußerungen Carters, an welchem Punkt der Ermittlung er gerade angekommen ist. Dass Kay es inmitten dieses kühlen und hektischen Umgangs mit einer an sich simplen Geschichte schafft, gelegentlich Herzenswärme zu vermitteln, gleicht einem Wunder. Carter stößt aufgrund der Familie, die er verlassen hat, stets auf Ablehnung, mit Ausnahme der jugendlichen Nichte, die er als Mann voll begangener Fehler mit guten Ratschlägen versorgen kann. Hier kommt es gelegentlich zu wahrlich dramaturgisch stimmigen Momenten, deren Erfolg auch in der guten Besetzung der Filmnichte mit Rachel Leigh Cook zu finden ist. Dass wiederum ausgerechnet der entscheidende Knackpunkt der Recherche, in welchen sie involviert ist, trotz erschreckendem Szenario emotional unterkühlt stattfindet, beweist nur wieder den zu distanzierten Stil des Streifens, dessen führende Hand Kays die gelungenen dramatischen Momente scheinbar nur Zufall erscheinen lässt.

Wie auch immer, ich kann jeden verstehen, dem das Dargebotene einfach zu plump ausgefallen ist. Aber ich muss gestehen, dass ich, warum auch immer, Sympathie zum Ergebnis hege. Diese durchgestylte Art mit einem optisch wirksamen Stallone im Zentrum wirkte bei mir. Im Originalton war freilich auch seine Stimme wieder Trumpf, die jeden Stallonefilm im Original bereichert. Und abgesehen von manch nervigem Schnitt gefiel mir überraschend auch die unterkühlte Art des Streifens, die mich als Zuschauer in einen Zustand versetzte, der mich für das oberflächliche Abarbeiten von Figuren und Situationen unempfindlich werden ließ. Ich genoss einfach den simplen Style, die plumpe Art, akzeptierte sie und hatte dementsprechend Spaß mit einem Film dessen Original ich nicht kenne. Aus diesem entlieh man sich die ehemalige Hauptbesetzung Michael Caine, der nicht nur kurz als Cameo durchs Bild hüpfen darf, sondern mit einigen Auftritten gesegnet mehr mit dem zu lösenden Fall zu tun hat, als manch Naiver zunächst denkt. Dass die Aufdeckungen Carters nicht all zu aufregend ausfallen und am Ende nur ein simpler Plot bleibt, stört nicht weiter, ist die Annäherung mit der Nichte doch weit wichtiger für die Wirkung des Streifens, als es der Kriminallfall je wäre. Dass dieser Aspekt wichtig für den Film ist, schien man zumindest zu erkennen, bekommt die Verabschiedung von der Nichte doch, wie manch andere Szene mit ihr, am Ende angekommen, genügend Raum zur Entfaltung, so dass sie auf schlichte Art zu berühren weiß, zumindest wenn man sich mit wenig Tiefgang zufrieden geben kann und sich auf naive Inhalte einlassen kann. Das ist ohnehin das Erfolgsrezept, um an "Get Carter - Die Wahrheit tut weh" (Alternativtitel) seine Freude haben zu können. Ob man das bei solch plumpen Filmergebnis überhaupt will, sei freilich einmal dahingestellt.


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Trailer,   OFDb

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