16.10.2019

WESTWORLD - STAFFEL 2 (Westworld - Season 2 2018 Richard J.Lewis u.a.)


Die Spielregeln haben sich geändert, die Hosts können sich nun wehren, die meisten Gäste des Parks sterben. Die Firma Delos ist jedoch nicht an einer Rettung der Besucher interessiert, sondern an einem wichtigen Satz Daten, welcher für die wahre Bedeutung des Freizeitparks steht...


Der kollektive Irrtum freier Wille...

War Staffel 1 der Serie "Westworld" noch ein interessantes Gedankenspiel, welches gelegentlich zu geschwätzig pseudo-intellektuell ausfiel, so wankt das Ergebnis in der zweite Runde nun gewaltiger. Zunächst fängt Staffel 2 überraschend gut an, macht von Beginn an klar, dass es mit den Plänen der Firma Delos weit mehr auf sich hat, als Menschen mit Westernspielen zu vergnügen. Und trotz Andeutungen auf einen möglichen Ansatz des zu unsinnig ausgefallenen "Futureworld", der seinerzeit das Original "Westworld" fortsetzte, greift man nicht dessen Idee auf, sondern streift sie nur zur Betrachtung einer interessanteren, weniger eindimensionalen. Zwar wird manch einer gerade zu Beginn der Staffel das erhoffte Massaker vermissen (die Serie Westworld geht auch in ihren aufregenderen Szenen besonnen, ruhig erzählt und dialoglastig vor), die neugierig machende Offenheit diesmal kein Geheimnis aus den verschiedenen Zeitebenen zu machen und der andere Ansatz der Revolution machen aus diesem Umstand jedoch kein Ärgernis, sondern lediglich einen anderen Umgang mit der Thematik. Allerdings blitzt in der hier gelebten Art der Revolution und Selbstfindung der Maschinen bereits in dieser Phase jener Schwachpunkt auf, der einiges am Potential der Serie vermissen lässt: mit dem Hauptaspekt einer humanistischen Erzählung, die das Wesen des Menschen aus einem arg bitteren Blickwinkel ergründen möchte, unterlassen es die Autoren der Geschichte den Robotern eine eigene Mentalität zu kreieren. Letztendlich sind sie wie Menschen, reagieren nicht wie Maschinen, so dass z.B. ein Roboter, der ein Kind sein soll, ein Kind bleibt, entwickeln keine eigene Kultur, kein eigenes, ihrem Organismus entsprechendes, Weltbild. Auch ihre Denkstrukturen, gerade bezüglich der unterschiedlichen Parteien, die sich im Umgang mit der Revolution bilden, sind rein menschlich orientiert.

Roboter werden zwar zu cleveren Taktikern, handeln aber stets aus menschlichen Gefühlsregungen heraus, obwohl sie in Staffel 1 noch erfuhren, dass auch Gefühle Programme sind und ehemalige Angehörige angedichtete Geschichten. Und da jede Serie ihre festen Figuren benötigt, wirkt der Aufstand der Maschinen zudem noch milder als nötig, indem die Schreiber der Serie nie den Mut besitzen Konsequenzen zu ziehen. Jeder kann jederzeit überleben, Roboter können trotz Vernichtung des Backups wieder geschaffen werden (alles logisch erklärt, keine Sorge, aber eben stets einen sicheren Hinterausgang im zu gewollt kritischen Treiben im Auge behaltend), verletzte Hauptfiguren werden aus hanebüchenen Gründen verschont, nur selten entsteht in Staffel 2 eine nicht rückgängig zu machende Situation mit extremen Ausgang. Da braucht es auch nicht verwundern, dass auch die philosophischen Aspekte immer verstärkter zum bedeutungsschwangeren Leergeschwätz verkommen, oftmals eher den Kitsch einer Seifenoper aufgreifend, anstatt tatsächlich intellektuelle Diskussionsansätze zu verfolgen. Letztendlich lebt Staffel 2 nur noch von den Rätseln, die sie in absichtlich umständlicher Erzählweise zu erhalten weiß, aber das ist zumindest ein Motor, der selbst den enttäuschten Zuschauer motiviert dran zu bleiben. Der Blick auf eine weitere Unterhaltungswelt neben jener des Wilden Westens erweist sich gegen alle Erwartungen leider als Tiefpunkt der Serie und erstreckt sich über quälende zwei Folgen; als sich das Desaster in einer Indianer-vertiefenden Folge zu wiederholen droht, beweist sich die Serie im humanistischen Romantikgewandt plötzlich emotional überzeugend. Dennoch: anstatt wahrhaftig kritische Denkmodelle anzugehen, schwimmt die zweite Staffel im Mainstream der Weltansicht, verfolgt einfachste Massenmeinung zum Thema Mensch, geht dies aber zumindest gewitzt erzählt und intelligent verschachtelt an.

Was man der Serie lassen muss, gerade in Staffel 2, ist ihre Deutungsvielfalt im analytischen Bereich. Der Kampf Maschine gegen Mensch kann nicht nur auf die klassische Unterschicht- und Oberschicht-Komponente übertragen werden, sondern z.B. auch auf den Sektor der Emanzipation. Ohnehin ist "Westworld" mit seinen häufig unauffällig vertauschten klassischen Geschlechterrollen ein wunderbares Beispiel für echt gelebte Emanzipation in der Film- und Serienwelt. Allein in für Amerika überraschenden, nicht weg geblendeten Nacktszenen, fiel ein Teilaspekt dessen bereits in der ersten Staffel auf. Die zweite geht trotz anderweitigen Schrittes voraus jedoch gerade mit Blick auf nicht ignorierte Geschlechtsteile wieder einen Schritt zurück. Die Darsteller agieren ohnehin alle weit seltener nackt, als es noch in der Vorgängerstaffel zu beobachten war. Das ist an sich ein nicht bedeutend scheinender Faktor. Betrachtet man aber den Rückgang an intellektueller und sachbezogener Argumentationen und Schwerpunkte der zweiten Staffel, eher zweifelhafte Ethik propagierend anstatt einen wissenschaftlichen Blick auf das Geschehen zu werfen, so darf man sich doch fragen, ob wer das Ruder übernommen hat, welcher der Serie einen anderen, weniger systemkritischen Anstrich verleihen wollte. In Amerika passiert es oft, dass nach erfolgreichem Start wer anders das Serienkonzept verändert, um bestimmte Dinge damit zu erreichen (siehe "Parker Lewis", "King of Queens" oder "The Big Bang Theory"). "Westworld" ist in seiner zweiten Staffel zumindest noch intelligent und wendungsreich genug erzählt, um einen selbst im enttäuschten Zustand noch als Zuschauer zu gewinnen und ernst zu nehmen. Das ständige Anwenden von Ausreden im pseudo-intellektuellen Sinne, zur Umgehung wahrer Konsequenzen (ein Faktor der eigentlich zwingend zum echten Leben dazu gehört), lässt das Geschehen aber längst nicht mehr so spannungsgeladen und emotional packend verfolgen, wie zuvor, eben da mit den lieb gewonnenen Figuren alles (wieder) möglich ist und Erlebtes nichts Endgültiges sein muss. Dieses Makel ist in sofern bedeutend, als dass es vielen getroffenen gesellschaftskritischen Aussagen der Serie widerspricht. Aber derartige Widersprüche weisen Moralisten oft auf, und Denken wurde in Staffel 2 endgültig und unübersehbar gegen Moral eingetauscht. Das ist schade um die guten Ideen der Serie, gerade mit Blick auf das Geheimprojekt der Firma Delos.


Episodenführer,   OFDb

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