Samstag, 9. Februar 2013

[REC] (2007 Juame Balagueró u.a.)


Eine Reporterin begleitet mit ihrem Kameramann Feuerwehrmänner bei ihrem nächtlichen Alltag. Ein Notruf führt die Feuerbekämpfer in ein Haus, in dem man auf eine infizierte Frau stößt, die jeden Realitätssinn verloren hat und wie eine Bestie auf die Menschen stürzt, um sie zu beißen. Da der Ursprung der Seuche in diesem Haus vermutet wird, werden alle die sich in ihm befinden eingesperrt. Unter Quarantäne, umgeben von immer mehr Infizierten, kämpfen die Leute um ihr Leben...


The Night Of The Living Dead-Project...

Und wieder reiht sich ein Film in die Handkamera-Horrorwelle ein, irgendwo zwischen „Blair Witch Project“ und „Cloverfield“ stehend. Diesmal haben wir es mit einem etwas professionellerem Doku-Team zu tun, arbeiten die beiden Hauptpersonen (eine Reporterin und ihr Kameramann) doch schließlich fürs Fernsehen. Sie sind live während eines Feuerwehreinsatzes dabei, der ihnen höllisch Probleme bringen wird.

Überraschender Weise wackelt der angebliche Profikameramann selbst in ruhigeren Momenten viel zu viel mit seinem Arbeitsgerät. Das könnte sich allerdings über die Moderatorin und der Sendung für die beide arbeiten erklären. Die beiden sind für eine eher simple Sendung mit scheinbar geringem Publikum tätig. Die Moderatorin ist Viva- und MTV-flippig und taugt nichts zur seriösen Moderation. Es sind also Anfänger im professionellen Bereich in einer Gesellschaft, wo viele Menschen ins Fernsehen wollen, ob vor oder hinter die Kamera, ohne überhaupt zu wissen warum eigentlich.

Und so handelt die recht interessante Einführung von ca. 10 Minuten viel mehr von der trostlosen Arbeit zweier Dokudreher, als von der Arbeit der Feuerwehrmänner. Obwohl keine komödiantischen Elemente vorhanden sind, erkennt man doch deutlich die Augenzwinkerei der Macher von „[Rec]“, was später weitergesponnen wird, in der völligen Überforderung der flippigen Jungmoderatorin, wenn sie eine ernste Reportage über die unglaublichen Geschehnisse vor Ort auf die Beine stellen möchte. Ständig sind ihr Untalent, mangelnde Sensibilität und fehlende Lebenserfahrung im Weg, gepaart mit der schrecklichen Angst, die jeder in dem Wohnhaus spürt, in dem fast der komplette Film spielt.

Dort ist man eingesperrt, weil eine furchtbare Krankheit bis zu diesem Haus hin zurückverfolgt wurde. Ein Virus lässt, „28 Days Later“ lässt grüßen, Menschen zu reißenden Bestien mutieren. Und ebenso wie im Vergleichsfilm haben wir hier keine Zombies, wie oft behauptet, sondern Infizierte. Diese verhalten sich wie Zombies, es wird aber deutlich erklärt, dass viele Opfer vor der fertigen Metamorphose in ein Koma fallen. Tot sind sie nicht.

Dem fertigen Werk fehlt es des öfteren an Tempo. Die ersten 10 Minuten sind auf den ersten Blick inhaltsarm, bieten aber das was ich oben versucht habe zu verdeutlichen. Dann kommt es zu einem Einsatz, man eilt hin zum im Notruf angegebenen Ort, einer wird von einer infizierten Dame attackiert und von nun an passiert erst einmal wenig aufregendes. Männer werden verarztet, das Haus wird umstellt und unter Quarantäne gestellt, die Mieter und die Besucher werden hysterisch und schreien einander an. Sie sind halt aufgewühlt.

Das ist nachvollziehbar, nervt aber auch, selbst Menschen wie mich, die das Gekeife in „The Blair Witch Project“ nicht als nervig empfanden. Die Reporterin versucht sich an Interviews, die Leute beruhigen sich halbwegs, alle warten auf mehr Informationen von draußen. Die kurze Ruhe wird leider schnell wieder von ewigem Kreischen, Schimpfen und Streit unterbrochen.

Auch wenn das nach viel Inhalt klingt und es auch nicht wirklich langweilig ist, zieht es den Film doch in ein zähes Loch, aus dem er erst ungefähr in der 45. Minute wieder herauskommt. Endlich eskaliert die Situation, die Infizierten sind kaum aufzuhalten und man rennt um sein Leben und versucht sich zu verstecken. Ab diesem Umbruch ist der Film nicht mehr zu halten. Es wird spannend, flott und man fiebert mit der eigentlich gar nicht so sympathischen Hauptfigur mit.

Erfreulich positiv fiel mir „[Rec]“ in Sachen Logik auf. So unglaubwürdig die plötzliche Quarantäne mit ihrer fadenscheinigen Begründung auch wirkt, innerhalb dieser Geschichte achtete man auf die Lücken in der Logik um daran zu arbeiten. Eine wurde mit einer Ausrede behoben, so wird von einem Mediziner behauptet, die Inkubationszeit sei von Blutgruppe zu Blutgruppe verschieden. So darf nun niemand mehr motzen, wenn der eine ewig brauchte um zu mutieren und der nächste kurz nach dem Biss rumwütet. Ein Fehler aus „Cloverfield“ wurde in „[Rec]“ nicht wiederholt: Warum wird ewig weitergefilmt? In „[Rec]“ hat man erst die Dokumentation, dann die reißerische Chance blutige Bilder fürs Fernsehen einzufangen, natürlich unter lebensgefährlichen Bedingungen wie es sich im Action-Journalismus gehört, und zum Ende hin griff man auf einen simplen, aber sehr einleuchtenden Kniff zurück.

Während man sich bei „Cloverfield“ fragte, warum ab dem Moment weitergedreht wurde, wo man dringend beide Hände brauchte und die Situation nur noch um Leben und Tod im Sekundentakt ging, geht in diesem Film das Licht aus, die Protagonisten tappen im Dunkeln, und benötigen nun die Kamera, wegen ihrer Nachtbildfunktion. Nun wird gefilmt, um zu wissen ob wer Mutiertes in der Nähe ist und um die Sicherheit von Wohnungen zu erforschen, um sie als Versteck zu nutzen.

Freunde des ewigen „Mir muss alles aufs Brot geschmiert werden“ dürfen ebenfalls aufatmen: Was hier wie und warum passierte wird erwähnt, angeschnitten und verarbeitet. Zum Schluss bekommt man sogar Einblicke in den Auslöser der ganzen Katastrophe. Wie der Film endet kann man sich denken, ist aber immerhin konsequent.

Ein weiterer interessanter Kniff ist die versteckte Möglichkeit einer richtigen inhaltlichen Fortsetzung. Bevor alles ausufert erzählt eine motzige Frau mit krankem Kind, sie hätte die ganze Zeit ihren Mann am Handy, der vor dem Haus steht und nicht rein darf. Im Laufe der simplen Story kommt heraus, dass deren Hund einer der Mitauslöser war und die Tochter infizierte. Zu diesem Zeitpunkt spricht allerdings niemand mehr vom Ehemann. Auch wenn die Lage im Mietshaus unter Kontrolle gebracht würde, könnte der Familienvater die Katastrophe erneut auslösen, sollte er infiziert sein. Dann gehört er halt einfach zu der Blutgruppe, welche die meiste Zeit benötigt um zu mutieren. 

Vorstellbar wäre in einem Sequel z.B. eine Szene, in der man die Menschenmasse vor dem Haus sähe, die derart mit den Geschehnissen im Haus beschäftigt sind, dass sie einen Infizierten in ihrer Mitte gar nicht wahrnehmen. Mit etwas Glück könnte man sich also auf eine Fortsetzung freuen, auf die „[Rec]“ Gott sei Dank nicht direkt verweist.

Es ist nicht alles Gold was glänzt, es gibt auch Kritikpunkte. Neben der im Review bereits angeschnittenen wäre z.B. eine Unsinnigkeit zu nennen, die jeder Selbstdreher sofort bemerken müsste: Die Reporterin spult irgendwann das Filmmaterial zurück, um etwas nachzuprüfen. Anstatt dass das Bild der Kamera nun schwarz wird und man nach einer, für die Sehgewohnheiten des Kinofreundes, schwarzen Pause sichten darf wie es weiter geht, zeigt der Film uns, die Bilder beim Spulen. Das widerspricht der Idee mit dem Bildmaterial.

Dies wird zwar diesmal nicht gefunden, man erlebt das Geschehene quasi live, das erneute Abspielen der Aufnahmen ist aber auch aus dieser Perspektive unsinnig. Nur wenn man die Kamera als den Beobachter sehen würde, könnte diese Szene Sinn machen. Zu überlegen wäre dann, ob wir hier einem Objekt so etwas wie ein Bewusstsein zusprechen würden, oder ob wir einfach nur alles sehen, was man durch das Gerät sieht. Sollte letzteres gemeint sein, bin ich dem Regisseur aber dankbar, dass er die vielen Momente herausschnitt, in denen die Kamera komplett aus war. Wie auch immer: Wie man sieht ist das Zurückspulen nicht wirklich unlogisch, es hinterlässt aber keinen guten Eindruck.

Der Echtheit wegen wurde auf Musik während des Films verzichtet. Das ist gut so, Stille macht Szenen ohnehin gruseliger als Musikuntermalung. Leider reißt ein flottes Abspannlied einen sofort aus dem netten Werk heraus. Ein unpassenderes Lied konnte man hier kaum wählen. „[Rec]“ hätte ein schönes flaues Gefühl im Magen hinterlassen können, stattdessen weckt es einen mit hohler Fließbandmusik, die nicht einmal zur Schlussatmosphäre der letzten Szene passt.

Es gibt also, wie gelesen, das ein oder andere Manko. Das macht den Film aber zum Glück nicht kaputt, so dass dem Horrorfreund, der sich nicht von wackeligen Bildern verschrecken lässt, viel Kurzweile geboten wird, wenn auch mit einem lahmenden Mittelteil. Dafür gibt es spannende Szenen ebenso wie Schockmomente. Die Maske der Infizierten stimmt und Blut gibt es auch öfter mal zu sichten. Innovativ ist das ganze sicherlich nicht, interessant ist allerdings, dass der Film, obwohl er situativ durch das Eingesperrtsein und durch die Art der Bedrohung an „Die Nacht der lebenden Toten“ und seine Nachahmer erinnert, nie dem bewährten Muster des klassischen Zombiefilms folgt.

Denn der Ort der Bedrohung wurde vertauscht. Wo frühere Filmhelden Fenster und Türen verbarrikadieren mussten, um das Böse nicht ins Haus zu lassen, versuchen die Figuren hier alles, um heraus zu kommen. Das erinnert leicht an das Konzept Wes Cravens „Das Haus der Vergessenen“, storytechnisch sind hier sonst allerdings keine Parallelen zu erkennen. „[Rec]“ klaut seine Machart, springt auf ein zur Zeit sehr angesagtes Subgenre auf und mixt inhaltlich Eigenständigkeit mit genrebewährten Rezepten. Das funktioniert, macht den Film allerdings nicht ganz so gut wie er sonst vielleicht hätte sein können.


Trailer,   OFDb

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