Dienstag, 21. Juni 2016

EIN WIRKLICH JUNGES MÄDCHEN (Une vraie jeune fille 1976 Catherine Breillat)


Die 14 jährige Internatsschülerin Alice kommt in den Sommerferien zu ihren langweiligen Eltern in die dörfliche Einöde nach Hause. Die erste Lust verspürend versucht sie auf ihre unbeholfene Art irgendwie den jungen, attraktiven Mitarbeiter des Sägewerks zu verführen. Der springt nicht an, und so sucht sie sich, unerfahren wie sie ist, Ersatzbefriedigung...


Kerzenwachs, Ohrenschmalz, rohe Eier...

Während David Hamilton Anfang der 80er Jahre mit „Erste Sehnsucht“ das sexuelle Erwachen einer jungen Frau als sinnliche, erotische Suche nach der Erfüllung sexueller Wunschträume verfilmte, da versuchte „Meine Schwester“-Regisseurin Catherine Breillat Mitte der 70er Jahre mit ihrem Debutfilm „Ein wirklich junges Mädchen“ das Thema aus einem völlig anderen Blickwinkel zu verarbeiten. Wir werden im Laufe der 90 Minuten Laufzeit Haupdarstellerin Charlotte Alexandra hin und wieder nackt erleben, mit intimen Detailaufnahmen welche der übliche Erotikfilm umgeht. Und doch wird sie nie zum Lustobjekt für den Zuschauer werden. „Ein Mädchen“ (Alternativtitel) ist inhaltlich ein Sexfilm, aber er ist kein Erotikfilm.

Ganz im Gegenteil erleben wir eher abstoßende anstatt sinnliche Bilder. Ein auf einer Vagina zerteilter Wurm, Nahaufnahmen eines pinkelnden Unterleibs, Alice wie sie mit allerhand schmierigen Zutaten einen Weg der Befriedigung sucht, so als befinde sie sich gerade erst in der analen Phase - bei all den schonungslosen Bildern die uns Breillat hier zumutet, kann man nur dankbar sein, dass die anal eingeführte Flasche nicht auch noch im Detail eingefangen wird. „A Real Young Girl“ (Alternativtitel) soll provozieren, was er meiner Meinung nach ein wenig zu gewollt versucht, da er die Provokationen zu detailiert und extrem ausgefallen in den Fokus setzt. Aber letztendlich will Breillat uns lediglich den verstörenden Blickwinkel einer jungen Frau klar machen, die mit ihren neuen Gefühlen von allen allein gelassen wird und herausfinden will wie sie sich Befriedigung verschaffen kann.

Männlich verträumte Erotikfantasien darf hier suchen wer will, Alice ist verzweifelt, notgeil und gelangweilt. Ihre Versuche einen jungen Mann aus der Ferne zu verführen sind tolpatschiger Natur, ihre Suche nach eigener sexuellen Befriedigung experimentell, gerne auch mal unsinnig. Alice Sexualität eröffnet ihr eine neue Welt, die sie nicht kennt, und in der nicht nur Freuden warten, sondern auch Gefahren lauern. Alice ist aufgeklärt, da stellt der Film sie keineswegs als ahnungsloses Dummchen dar, aber der Weg zur Erfüllung ihrer Wünsche ist ihr fremd, und ihr soziales Umfeld ist bevölkert von schlichten, fast schon lethargischen Menschen, deren Kommunikationsbereitschaft sehr mau ausgefallen ist und deren (wie Alice im Laufe der Zeit feststellen muss: geheuchelte) Moral es ohnehin nie zulassen würde über amouröse Dinge zu sprechen.

Auf sich allein gestellt macht Alice erste Erfahrungen mit sich selbst, dem schrumpeligen Pimmel eines Mannes den sie auf der Kirmes verführt hat und es hinterher bereut, dem Sperma ihres Schwarms und manchem mehr. Breillat erzählt dies alles ziemlich distanziert, ist selbst gefühlsmäßig nie wirklich nah an Alice dran, und das ist es auch was mir an „Ein wirklich junges Mädchen“ fehlt, trotz seines lobenswerten Anliegens das sexuelle Erwachen einmal möglichst ehrlich, fern der Erotikfilmwelt zu erzählen. Der Streifen ist nett abgefilmt, weiß auch aufgrund seiner nüchternen Art zu gefallen, etwas mehr an die Hand genommen worden, um Alices Innenleben zu verstehen, wäre man trotzdem gern.

Dennoch weiß der oftmals den Zuschauer vor den Kopf stoßende Film zu gefallen. Und das völlig überraschende Ende der Geschichte, so unnötig es auch ausgefallen ist, sieht man wahrlich nicht kommen und lässt einen schockiert zurück. „Ein wirklich junges Mädchen" ist trotz seiner bizarren Methoden niemals wirklich surreal ausgefallen, wie mancher Filmfan es von ihm behauptet. Es ist der Ruf der Regisseurin ihre Filme häufig ins Surreale zu tauchen. Im Gegensatz zur Schlussszene aus bereits genanntem „Meine Schwester“, von dem man nicht weiß ob er Tagtraum oder Realität sein soll, ist der schockierende Schluss von „A Real Young Lady“ (Alternativtitel) eine bösartige Pointe, die definitiv in der Realität verankert ist, so wie der komplette Film, der trotz verträumter, drastischer und verstörender Bilder doch nur den Ist-Zustand zeigt.

Wer Erotik erhofft, dem wird noch eher übel werden als dem Restpublikum, das sich ebenso wenig über manch gezeigte Aufnahmen freuen wird. Und mit weniger Provokationen an Bord könnte man „Ein Mädchen“ auch sicherlich eine Spur ernster nehmen in seinem Anliegen das sexuelle Erwachen aus der beängstigenden und verstörenden Perspektive zu betrachten. In seiner zu reißerischen und emotional zu distanzierten Art bleibt aber zumindest trotzdem noch ein interessanter Film zurück, den viele als langweilig und unsinnig abtun werden, wohingegen der Kunstfreund unter den Cineasten das Sehen dieses ungewöhnlichen Streifens sicherlich nicht als Zeitverschwendung abtun wird. Wer nur eine Geschichte erzählt kriegen möchte ist hier im falschen Film. „Ein wirklich junges Mädchen“ ist mit seinen Tabubrüchen gnadenlos ehrlich, er übertreibt es damit allerdings manches Mal zum Selbstzweck.


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