Samstag, 27. Oktober 2012

STIRB LANGSAM 4.0 (Live Free Or Die Hard 2007 Len Wiseman)


Terroristen legen die komplette Elektronik der USA lahm. Computerhasser McClane nimmt gemeinsam mit einem Hacker den Kampf gegen die Bösewichter auf...


The Last Boy Scout 2.0...

Kurzweile kann man „Stirb langsam 4.0" nicht abstreiten. Es geht rasant zur Sache, und egal ob die Action gerade Pause macht oder im größten Chaos versinkt, die flotten Sprüche, die mich mehr als ein mal zum lachen brachten, dürfen nicht fehlen. Natürlich muss ein Teil 4 mit seinen Vorgängern verglichen werden. Die dritte Fortsetzung hat zumindest das was dem mittelmäßigen Teil 2 fehlte: Kurzweile. Dafür hatte dieser und die guten Teil 1 und 3 mehr Anspruch.

Im Action-Popkornkino spricht man sicherlich auf anderer Ebene von Anspruch als in Dramen, Grotesken, Satiren, etc., aber auch Beiträge dieses Genres kann man sehr wohl niveaubedingt verschieden einstufen. Und da ist "Stirb langsam 4.0" für eine Kino Großproduktion relativ unten anzuordnen. Die Kritik, die sich Teil 4 gefallen lassen muss, wäre auch dann relevant, wenn dies keine Fortsetzung sondern ein eigenständiger Film wäre.

Allerdings möchte ich an dieser Stelle betonen, dass wir es bis auf den Namen des Helden und einiger Winzigkeiten ohnehin kaum noch mit einem "Stirb langsam" zu tun haben. Viel eher könnte der Film ein Sequel von "Last Boy Scout" sein, der rein von Bruce Willis Rolle her ohnehin fast eine "Die Hard"-Kopie war. Hier passt viel mehr zusammen. Da hätten wir dien wesentlich mehr beachteten Aspekt der Vater-Tochter-Beziehung und ihre Art. Dann hätten wir die große Ehrfurcht des Helden vor der Regierung und deren gnadenlose Untergebenheit (in diesem Film für ein Actionwerk eher versteckter eingebracht). Und drittens ist der Charakter wie bereits erwähnt ohnehin mit "Stirb langsam" fast identisch. Andererseits bin ich froh dass der Film nicht den Titel "Last Boy Scout 2.0" trägt, immerhin fand ich den letzten Pfadfinder schon immer eine Spur besser als die Filme um McClane.

Ein Kritikpunkt, den sich „Stirb langsam 4.0“ gefallen lassen muss, wäre u.a. das häufige Anwenden von Computeranimationen. Wenn ein Auto über Bruce hinwegfliegt, und man sieht dem Gefährt an seiner Glätte und Sterilität seine Herkunft aus dem Computer an, dann ist das plump und verfehlt seine Wirkung. Was nutzt die tollste Action, wenn sie optisch nichts hergibt? Aber nun mal halblang! Vieles ist auch handgemacht getrickst und manch andere Computeranimation ist besser umgesetzt (manchmal rätselt man sogar was von beidem es nun war), gute Action gibt es also sehr wohl zu sichten. Aber der eher geringe Anteil schlecht gemachter Sequenzen sorgt halt für ein getrübtes Sehvergnügen.

McClane einen jungen Spund an die Seite zu stellen ist sicherlich Ansichtssache. Das funktioniert zwar hin und wieder wenn sich die beiden über Ansichten verschiedener Generationen zoffen, aber genau diesen Punkt hätte man ruhig ausweiten können. Das mangelnde Wissen über Computer passt zum McClane-Charakter und lässt seine Beziehung zu einem Computerjunkie lustig wirken. Die erwachsenen Partner in den Vorgängern (ich zähle den Polizisten mal dazu, der McLane in Teil 1 am Telefon begleitete) passten allerdings besser zum Cop. Es ist dem McClane-Charakter kaum abzukaufen, dass er sich in brenzligen Situationen auf ein Bübchen verlässt.

Der Jungspund ist ein Risikofaktor, der, trotz seiner Computergenialität, zu beschützen ist. Er ist kein Partner. Aber genau das wird er im Laufe des Films. Das wäre so als wenn Leo Getz in "Lethal Weapon 2" sich im Laufe des Films eine Partnerrolle zu den beiden Cops erspielen würde. Der Partnerschaft Jüngling und McClane kommt erschwerend das ewige Pseudo-Gerede über Heldentum hinzu. Heldentum wird fragwürdig definiert über das Handeln und der klaren Trennen nach Gut und Böse. Wenn McLane z.B. seine Tochter rettet, ist es völlig legitim auf dem Weg dahin mit dem Laster zig Autos zu schrotten und dabei sicherlich das ein oder andere unschuldige menschliche Leben zu opfern.

Was ich persönlich sehr interessant finde ist folgende Beobachtung: was in "Stirb langsam 4.0" als Terrorismus angesehen wird, wurde in "Flucht aus L.A.", der Fortsetzung von „Die Klapperschlange“, noch im Finale als Heldentum gefeiert. Strom weg, willkommen in der Steinzeit! Durch eine Videobotschaft der Terroristen sieht man im hier besprochenen Film, dass McClane in keiner fiktiven Vergleichszeit lebt, sondern in der unseren. Er lebt also auch in einem George Bush Jr.-regierten Amerika. Somit sind auch die Regierungen beider Filme vergleichbar: beide verbrecherisch,korrupt und nicht dem Wohl des Volkes dienend. Trotzdem wird in beiden Filmen die Stromattacke ethisch unterschiedlich ausgelegt.

Das liegt mitunter daran, dass McClane stets an den kleinen Mann denkt, dem nicht geschadet werden darf, dabei aber übersieht, dass die Regierung diesen Schaden bereits anrichtet. In seinen wenig ernsten (und leider belehrend wollenden) Szenen guckt sich der Film verdammt republikanisch. Und er weiß wer sein Publikum ist und welche Knöpfe er drücken muss um versteckt zu manipulieren und die Gehirne „Fehlgeleiteter“ zu waschen. Was sollen solche Belehrungen in Unterhaltungskino? Und wieso erinnern diese Belehrungen mehr an Propaganda als an Unterricht? Traurig!

Wichtigster Kritikpunkt, warum der Film lediglich nettes Mittelmaß geworden ist, ist der Actioninhalt. Was McClane hier erlebt geht nur noch als purer Comic durch. Ich will jetzt nicht behaupten, dass seine drei Vorgänger authentische Werke gewesen wären, aber Willis dabei zuzusehen wie er auf einen Militärflieger springt, von dem er zuvor mehrfach erfolglos angegriffen wurde, zu sehen wie er Hubschrauber damit tilgt Wasserfontänen oder fliegenden Autos auf die Bedrohung zu feuern, all das hat nichts mehr mit der typischen Actionfilm-Übertreibung zu tun. Das ist alles eine Spur zu viel. Wie die beiden Hubschrauber und der Flieger vernichtet wurde lässt entweder ausgeklügelste Mathematik und das Anwenden vieler anderer Wissensgebiete vermuten, oder eben nur pures Glück. Mit einer dieser 3 Aktionen hätte ich wegen dem 2. Erklärungsansatz leben können, aber 3 mal Glück ist viel zu viel des Guten.

In den Teilen 1 - 3 war immerhin noch McClanes Können gefragt, oftmals auch der Mut durch Provokation, aber er war kein Mensch der kopflos handelte. Dass dies in Teil 4 nicht der Fall ist, ist z.B. auch deutlich zu sehen in jener Szene, in der McClane mit einem Auto durch ein Gebäude rast, um eine Asiatin zu jagen und dabei gar nicht den Grobschnitt des Gebäudes kennt. Jede Wand und Tür durch die er brettert könnte die letzte sein. In den Teilen 1 und 2 war McLane mit den Gebäuden vertraut und in Teil 3 mit der Stadt. Hier konnte er solche Aktionen berechnend durchführen. In Teil 4 heizt er hirnlos in einem ihm unbekannten Gebäude herum, und so endet die Szene wie sie enden musste: er landet in einem Fahrstuhlschacht und erlebt eine weitere böse Situation.

Mit der eben erwähnten Asiatin wären wir direkt bei den guten Seiten von Teil 4. Wie Willis diese verprügelt ist, trotz ihrer Kampfkunst, so etwas von politisch unkorrekt, dass es eine Freude ist zuzugucken. Solche "unkorrekten" Szenen sieht man in Hollywoodproduktionen leider kaum noch. Ohnehin sind die Bösewichter gut gecastet und ebenso wie in Teil 3 wird eine völlig andere Geschichte erzählt, oder besser gesagt die selbe Geschichte in völlig anderem Gewand.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich viel von dem Computergeschwätz aufgrund meiner mangelnden Kenntnisse in diesem Bereich nicht verstanden habe. Ähnlich wie bei "Cube" muss man vieles von dem was behauptet wird einfach glauben. Dennoch zweifel ich an dem ein oder anderem Gezeigten in diesem Bereich.

Auch wenn ich nicht zu den Computerjunkies gehöre, so tut es mir außerdem etwas leid, wie hier mit ihnen umgegangen wird. Sie werden mal wieder als Freaks dargestellt, lebend in einer Welt voller Verschwörungstheorien, die nur auf den richtigen Weg gebracht werden müssten, um vernünftige Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Von Individualismus haben Schreiber solcher Geschichten scheinbar noch nie gehört. Ich denke mal da unterschätzt man solche Leute etwas. Und Tatsachen, wie das Verbreiten der Angst durch Medien zur Erhöhung des Konsums, als Verschwörungstheorie darzustellen, ist schon eine Dreistigkeit für sich.

Dass ich selbst in den positiven Dingen zum negativen abschweife, zeigt nur erneut auf was für wackeligen Beinen "Stirb langsam 4.0" steht. Im Vergleich zu seinen Vorgängern ist er eine Unverschämtheit. Für sich gesehen ist er jedoch kurzweilige und anspruchslose Actionkost, die man allerdings nur dann gucken kann, wenn man sich komplett auf ein extrem starkes Comicniveau einstellt. Was man hier zu sehen bekommt, kann ferner der Realität nicht sein, selbst für ein Actionwerk, was aber nicht heißt, dass es nicht Spaß machen kann. Also: Kopf aus, zurücklehnen, die Action und die Sprüche genießen, und die Propagandastellen einfach überhören! Dann, aber NUR dann, kann Teil 4 auch unabhängig von den Vorgängern funktionieren.


Trailer,   OFDb

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